Helmstedt – die Geschichte einer deutschen Stadt: Unterschied zwischen den Versionen
Admin (Diskussion | Beiträge) |
Admin (Diskussion | Beiträge) |
||
| Zeile 43: | Zeile 43: | ||
Nachfolger von [[Johann Dietrich Lichtenstein|Lichtenstein]] wurde [[Eberhard Ludwig Cellarius]]. Schon der [[Rudolf Anton Cellarius|Vater]] war als Vorgänger von [[Johann Dietrich Lichtenstein|Lichtenstein]] [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]] gewesen, zunächst zweiter, dann ab [[1727]] bis zu seinem Tode [[1743]] erster. Er wohnte [[Kybitzstraße]] 7. Der Sohn [[Eberhard Ludwig Cellarius|Eberhard]] regierte leider nur drei Jahre. Er starb am 6. März [[1776]]. Ihm gehörte bis [[1757]] das Haus [[Schuhstraße]] 14, das [[Meibom’sches Haus|Meibom’sche Haus]] also. | Nachfolger von [[Johann Dietrich Lichtenstein|Lichtenstein]] wurde [[Eberhard Ludwig Cellarius]]. Schon der [[Rudolf Anton Cellarius|Vater]] war als Vorgänger von [[Johann Dietrich Lichtenstein|Lichtenstein]] [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]] gewesen, zunächst zweiter, dann ab [[1727]] bis zu seinem Tode [[1743]] erster. Er wohnte [[Kybitzstraße]] 7. Der Sohn [[Eberhard Ludwig Cellarius|Eberhard]] regierte leider nur drei Jahre. Er starb am 6. März [[1776]]. Ihm gehörte bis [[1757]] das Haus [[Schuhstraße]] 14, das [[Meibom’sches Haus|Meibom’sche Haus]] also. | ||
Ab [[1777]] war [[Johann David Kühne]] [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]] unserer Stadt, nach dessen Tod [[1781]] der Oberamtmann [[Anton Gottlieb Rham|Rhamm]]. Jener wohnte [[Heinrichsplatz]] 10, er starb [[1790]]. Seine Tochter Friederike heiratete Ende [[1790]] den berühmten Philosophieprofessor [[Gottlob Ernst Schulze]]. Das Ehepaar wohnte im Haus des verstorbenen Vaters bzw. Schwiegervaters. [[1793]] aber starb, 26 Jahre alt. | Ab [[1777]] war [[Johann David Kühne]] [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]] unserer Stadt, nach dessen Tod [[1781]] der Oberamtmann [[Anton Gottlieb Rham|Rhamm]]. Jener wohnte [[Heinrichsplatz]] 10, er starb [[1790]]. Seine Tochter Friederike heiratete Ende [[1790]] den berühmten Philosophieprofessor [[Gottlob Ernst Schulze]]. Das Ehepaar wohnte im Haus des verstorbenen Vaters bzw. Schwiegervaters. [[1793]] aber starb, 26 Jahre alt, Frau Schulze. | ||
Nachfolger von [[Anton Gottlieb Rham|Rhamm]] wurde der Hofrat [[Georg Fein|Fein]]. Er war vorher Kommissionsrat in Holzminden gewesen. [[Georg Fein|Fein]] blieb in [[Helmstedt]] [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]] bis zum Jahre [[1808]], also sogar bis in die Franzosenzeit hinein. Er hat sich um Helmstedt und um die Universität verdient gemacht, als er [[1791]] in einem Studentenaufruhr erfolgreich vermittelte. Er bekannte sich nach [[1806]] zu Napoleon und zu dem neuen Staat „Königreich Westphalen“. Mit [[Heinrich Philipp Konrad Henke|Professor Henke]] war er [[1807]] in Paris. [[1808]] endete sein Amt hier in [[Helmstedt]]. Zwei Jahre später wurde er Generaldirektor der Staatsdomänen für das Königreich Westphalen, [[1813]] starb er in Kassel. Sein in [[Helmstedt]] [[1803]] geborener Sohn [[Georg Fein jun.]] ist in der allgemeinen Politik bekanntgeworden. Er war einer der bekanntesten frühen deutschen Demokraten des Vormärz, also bereits vor der Märzrevolution [[1848]] national-freiheitlich aktiv und wurde von den regierenden Fürsten verfolgt. | Nachfolger von [[Anton Gottlieb Rham|Rhamm]] wurde der Hofrat [[Georg Fein senior|Fein]]. Er war vorher Kommissionsrat in Holzminden gewesen. [[Georg Fein senior|Fein]] blieb in [[Helmstedt]] [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]] bis zum Jahre [[1808]], also sogar bis in die Franzosenzeit hinein. Er hat sich um Helmstedt und um die Universität verdient gemacht, als er [[1791]] in einem Studentenaufruhr erfolgreich vermittelte. Er bekannte sich nach [[1806]] zu Napoleon und zu dem neuen Staat „Königreich Westphalen“. Mit [[Heinrich Philipp Konrad Henke|Professor Henke]] war er [[1807]] in Paris. [[1808]] endete sein Amt hier in [[Helmstedt]]. Zwei Jahre später wurde er Generaldirektor der Staatsdomänen für das Königreich Westphalen, [[1813]] starb er in Kassel. Sein in [[Helmstedt]] [[1803]] geborener Sohn [[Georg Fein jun.]] ist in der allgemeinen Politik bekanntgeworden. Er war einer der bekanntesten frühen deutschen Demokraten des Vormärz, also bereits vor der Märzrevolution [[1848]] national-freiheitlich aktiv und wurde von den regierenden Fürsten verfolgt. | ||
Während [[Georg Fein|Fein]] als [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]] erst dem Herzog von Braunschweig und dann Napoleon Jerome diente, war es bei seinem Nachfolger [[Johann Philipp | Während [[Georg Fein senior|Fein]] als [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]] erst dem Herzog von Braunschweig und dann Napoleon Jerome diente, war es bei seinem Nachfolger [[Johann August Philipp Ferber]] umgekehrt. | ||
Die Ferbers stammten aus Sambleben bei Schöppenstedt. Der Großvater des Helmstedter Bürgermeisters war dort Küster und Lehrer, der Vater hatte in Helmstedt studiert und war Magister geworden, dann Konrektor an der Lateinschule und schließlich Rektor und Professor. Er ging aber schon bald nach Magdeburg und ließ in Helmstedt seine Frau und den am 05.02.1773 geborenen Johann Philipp August F. zurück. Dieser wurde 1797 zunächst ohne Gehalt Aktuarius bei der Stadt Helmstedt, dann schließlich bekam er eine Planstelle, und danach wurde er 1804 Stadtsekretär. Bürgermeister, Maire wie es damals hieß, wurde er 1808 und blieb es auch nach dem Abzug der Franzosen. Jetzt war er wieder Bürgermeister und erhielt später sogar den Titel „Stadtdirektor“. Im 71. Lebensjahr bat Ferber um seine Pensionierung und wurde nach 47 Dienstjahren mit einer Pension von 650 Talern zum 1. Februar 1844 in den Ruhestand versetzt. Am 07. Januar 1853 starb J. P | Die Ferbers stammten aus Sambleben bei Schöppenstedt. Der Großvater des Helmstedter Bürgermeisters war dort Küster und Lehrer, der Vater hatte in Helmstedt studiert und war Magister geworden, dann Konrektor an der Lateinschule und schließlich Rektor und Professor. Er ging aber schon bald nach Magdeburg und ließ in Helmstedt seine Frau und den am 05.02.1773 geborenen Johann Philipp August F. zurück. Dieser wurde 1797 zunächst ohne Gehalt Aktuarius bei der Stadt Helmstedt, dann schließlich bekam er eine Planstelle, und danach wurde er 1804 Stadtsekretär. Bürgermeister, Maire wie es damals hieß, wurde er 1808 und blieb es auch nach dem Abzug der Franzosen. Jetzt war er wieder Bürgermeister und erhielt später sogar den Titel „Stadtdirektor“. Im 71. Lebensjahr bat Ferber um seine Pensionierung und wurde nach 47 Dienstjahren mit einer Pension von 650 Talern zum 1. Februar 1844 in den Ruhestand versetzt. Am 07. Januar 1853 starb J. A. P. Ferber. Gewohnt hat er bis zuletzt in seiner Dienstwohnung im Rathaus, die aus einer Stube und zwei Kammern bestand. Er war verheiratet, hatte eine Tochter, von ihnen ist aber nichts weiter überliefert. Ferbers charakteristische, nicht leicht lesbare Handschrift begegnet mir auch heute noch in vielen Akten. Das zeugt von dem ungeheuren Fleiß dieses Mannes. Er hat bewegte Zeiten erlebt: die Franzosen, deren Abzug, die erneuerte Land-schaftsordnung vom 25. April [[1820]], Herzog Karl II., die Revolution von 1830, die neue Land-schaftsordnung vom 06.10.1832 und schließlich auch noch die Städteordnung vom 04. Juni [[1834]]. | ||
Erstmalig wird nach Ferbers Pensionierung ein Bürgermeister vom Magistrat und von der Stadtverordnetenversammlung gewählt. nicht mehr vom Herzog ernannt. Allerdings bedarf die Wahl eines Bürgermeisters der Bestätigung durch den Landesherrn. Gewählt wurde Carl Claus, geboren am 17 02 1913 in Helmstedt. Seine Bltern waren Anfang des Jahrhunderts nach Helmstedt gezogen, der Vater war Pedell beim Kreisgericht, das damals in den Räumen der aufgehobenen Universität war. Dort wuchs der Sohn mit einem Bruder und zwei Schwestern auf. Ar besuchte hier das Gymnasium bis zum Abitur. Geld für ein Studium war offenbar nicht vorhan-den. Der junge Abiturient bewarb sich deshalb und sogar erfolgreich um eine Stelle als Auditor bei der Stadt. Zehn Jahre später wurde er, wie erwähnt, zum Bürgermeister mit einem Jahresgehalt von 600 Talern gewählt. Nun konnte er auch heiraten, am 17. Oktober 1844 fand in der St. Stephani-Kirche die feierliche Eheschließung mit der Tochter des Kaufmanns und Stadtrats E, C. À. Bötticher statt, dessen Nachfahren heute noch in Helmstedt leben. Die Familie Bötticher ist u. a. Inhaberin der Firma Fuhrmann. Am 24. Juli 1845 wurde der Sohn Johann Friedrich geboren, der leider 1851 starb. Bei der Geburt des zweiten Sohnes am 01. März 1848 starb die Ehefrau und kurz danach auch das Kind Beide wurden gemeinsam in einem Sarg auf dem „Alten Friedhof“ begraben. Claus hat nicht wieder geheiratet, seine zwei Jahre jüngere ledige Schwester betreute ihn. Die viele Arbeit als Bürgermeister half ihm über die Trauer hinweg. Noch im Dienst starb er, gerade einmal 61 Jahre alt geworden, am 11. Juni 1874. Nach dem Tod des Bürgermeisters Claus übernahm das ehrenamtliche Magistratsmitglied Louis Löser die Geschäfte der Stadt. Er regelte auch die Wahl des neuen Bürgermeisters. Auf die Ausschreibung bewarben sich vier Juristen, diese Vorbildung war gefordert worden. Gewählt wurde mit 11 von insgesamt 20 Stimmen der 25jährige Polizeiassessor Hartwieg aus Braunschweig. Er war 1849 in Gittelde als Sohn eines Landarztes geboren. Nach dem Abitur hatte er Rechtswissenschaften studiert und war vor seiner Helmstedter Zeit bei der herzoglichen Polizeidirektion beschäftigt gewesen. Der Herzog bestätigte die Wahl und verlieh Hartwieg den Titel „Bürgermeister“. Am 02.10.1874 wurde er vereidigt und in sein Amt eingeführt. Kennern der braunschweigischen Geschichte ist der Name Hartwieg als späterer leitender Minister des Herzogtums bekannt. 1879 verließ er Helmstedt. Der Herzog hatte ihn zum Ministerialse-kretär mit dem Titel eines Regierungsassessors ernannt und ihm aufgegeben, die neue Stelle spätestens am 01.06. anzutreten. Gewohnt hat Hartwieg im Stadthaus für eine jährliche Miete von 300 Thir. Sein Gehalt betrug 1.200 Rthlr. jährlich bei einer Steigerung um 10 Thir. alle drei Jahre bis zur Höchstgrenze von 1.800 Thir. 1914 ist Hartwieg in Braunschweig gestorben. Die Ausschreibung der erneut freigewordenen Bürgermeisterstelle erfolgte im ganzen Reichsgebiet. Es bewarben sich 21 Personen, darunter nur zwei Braunschweiger, die aber nach eingezogenen Erkundigungen zu dem Amt eines Vorstehers des Stadtmagistrats nicht geeignet erschienen. Das mußte dem Herzog ausdrücklich mitgeteilt werden, denn Braunschweiger Waren zu bevorzugen. Gewählt wurde der Bürgermeister von Tarnowitz, Hildebert Guericke, mit 16 gegen eine Stimme. Tarnowitz lag im damaligen Oberschlesien unmittelbar an der Grenze, es hatte viele polnische Einwohner. Dies war auch der Grund, weshalb Guericke sich verändern wollte. Er war 1848 in Halle an der Saale als Sohn eines Professors der Theologie geboren. Seit 1877 war er Bürgermeister von Tarnowitz. Das Gehalt in Helmstedt war geringer: 3.600 Thir. gegenüber dort 4.000. Dennoch nahm er die Wahl an. Mit dem Magdeburger Bürgermeister und Kollegen Otto von Guericke (1602 - 1686) sind unsere Guerickes weitläufig verwandt. In die Zeit der Amtsführung des Bürgermeister Guericke fiel die bereits erwähnte Erweiie-rung der Stadt zum Westen bzw. Nordwesten hin, also die Erbauung der heutigen Unterstadt. Mit dem 01.10.1898 schied Bürgermeister Guericke krankheitshalber aus seinem Amt aus. Die vielen Aufgaben, aber auch, mancherlei Kritik, die er über sich hat ergehen lassen müssen, haben sicherlich an seinen Kräften gezehrt. Er war ein etwas empfindsamer Mensch, der über so manches nicht so leicht hinweggehen konnte und der aber auch nicht immer das richtige Gespür für die eigenen Äußerungen hatte. So beantragte er erstmals unter dem 09.03.1892 seine Pensionierung. Diesem Gesuch wurde nicht entsprochen. - Nach Kuren in Lugano (1894) und Bad Wildungen (1895) wurde ein erneuter Antrag angenommen. Bei einem Abschiedsessen im Stadthaus am Sonntag, dem 25.09.1898, wurde er mit vielen Lobreden verabschiedet. Guericke hat zeitweise in der Wilhelmstraße 14 und später Südstraße 10 gewohnt. - Nach seiner Pensionierung hat er Helmstedt verlassen. Er lebte zunächst in der Nähe von Wernigero-de, später in Wilhelmshaven. Er verstarb am 24.03.1928 in Neuersburg/Oldenburg. Nachfolger wurde einer der acht Juristen, die sich beworben hatten: Franz Schönemann, zuletzt in Holzminden tätig. Er war am 03.09.1868 in Seesen geboren. Verlockend war derzeit das Amt wohl nicht, denn von denen, die sich beworben hatten, waren die meisten Braunschweiger und ansonsten sehr unbekannt. In Schönemanns Amtszeit wurde das neue Rathaus gebaut, er hatte die Schwierigkeiten des Ersten Weltkrieges und die noch größeren im Jahr danach zu be-wältigen. Die an anderer Stelle geschilderten Ereignisse im April 1919 waren wohl auch der Grund, weshalb er sich nicht wieder um das Amt des Bürgermeisters bemühte. Zum 01.10.1919 schied er aus. Das Helmstedter Kreisblatt widmete ihm ein Drittel der lokalen Seite. Es verweist zunächst auf die Bauten zu seiner Zeit: „Um nur einiges aus seiner Tätigkeit herauszugreifen, sei auf das Armenhaus, das Rathaus, das Wasserwerk, Kapelle des Stephani-Friedhofs, die Er-sl-August-Schule, Erweiterung der landwirtschaftlichen Schule, Erweiterung des Krankenhau-ses, Ausbau der Kanalisation und Neubau des Waisenhauses hingewiesen. Es sind dies Arbeiten, die in die Augen springen: unbemerkt von den meisten ist jedoch von Bürgermeister Schönemann eine ganz ungeheure Arbeit in den Mauern des Rathauses geleistet, die nur der zu würdigen versteht, der sie kennt.“ Er war weiter Landtagsabgeordneter in Braunschweig. In dieser Position setzte er seine Kraft ein, um mit viel Geschick das Beste für die Stadt herauszuholen. Er hat für die Stadt, so das Kreisblatt, „große Flächen Grundbesitz in ihrer Hand vereinigt“, um so die Möglichkeit zu schaffen, an der Preisfestsetzung der Grundstücke mitzuwirken und billiges Gelände für städtische Zwecke zur Verfügung zu haben. Wie alle Bürgermeister, so wurde auch Schönemann ein Opfer der „neuen Zeit“, denn die Revolution ließ durch „Gesetz über die Wahlen der Vorsteher und der Mitglieder des Rates in den Städten des Freistaates Braunschweig“ vom 09.08.1919 die Amtszeit aller Bürgermeister und Magistratsmitglieder zum 30.09.1919 enden. So ging Schönemann in den Ruhestand, er wollte, wie bereits erwähnt, für das Amt des Bürgermeisters über den 30.09. hinaus nicht kandi-dieren. Sicherlich wäre er gewählt worden. Er zog auf sein Rittergut nach Rottorf bei Königslut-ler. Dies hatte er sich auch mit dem Vermögen seiner Ehefrau gekauft. Dort starb er am 19.04.1953. Am 01.10.1919 traten nun diejenigen Bürger als Bürgermeister oder als Magistrat ihr Amt in, die von der wahlberechtigten Bürgerschaft, das waren alle männlichen und nun auch weiblichen Personen, die 20 Jahre alt und älter waren, in freier, gleicher, geheimer und direkter Wahl gewählt worden waren. Es war die erste und auch einzige unmittelbare Wahl eines Bürgermeisters durch die Bürger: Insoweit nahm man es mit der Demokratie sehr ernst. Dor Bürgermeister wurde auf sechs, die Stadträte (der Magistrat) auf drei Jahre gewählt. Frü den Bürgermeister war die absolute Mehrheit erforderlich, d. h., er musste mehr also 50 % der gültogen Stimmen haben, bei den Stadträten genügte die einfache Mehrheit, hier galt das System der Verhältniswahl. Durch die Listenwahl hier bei uns in Helmstedt hatte dieses Wahlsystem 1919 noch keine Be- deutung Zu der Wahl am 21.09.1919 kandidierten auf der Liste 1 für das Amt des Bürgermeisters der Stadtsyndikus Dr. Velke und für das des Stadtrats der Fabrikbesitzer Karl Fickendey und der Zigarrenfabrikant Gottfried Schipper, Markt 9. Diese Liste wurde von der SPD, der Deutschen Demokratischen Partei und der Christlichen Volkspartei unterstützt. Die Liste 2 war die der Unabhängigen Sozialisten. Um das Bürgermeisteramt bewarb sich hier der Invalide Wilhelm Herok, Braunschweiger Straße 9, für das Amt des Stadtrats der Schuhmachermeister Bernhard Lange vom Großen Katthagen und der Gastwirt Karl Lehmann vom Holzberg. Gewählt wurde mit 4.327 Stimmen Dr. Velke. Für den Kandidaten der Liste 2 waren 1.313 Stimmen abgegeben worden. Stadträte wurden Fickendey (Gas- und Wasserwerk, Bauwesen, Kanalisation und Lebensmittelversorgung) und Schipper (Fürsorge, Marktwesen, Waisenhaus, Preisprüfungsstelle). Noch einmal durften die Bürger die Stadträte direkt wählen. Das war am 17.09.1922. Es konnten aber nur Listen, nicht Kandidaten angekreuzt werden. Gewählt wurden jetzt vier Stadt-räte. Auf Liste 1, die Bürgerlichen, entfielen 3.595, auf Liste 2, Kommunistische Partei, 866, auf Liste 3, USPD, 1.482 und auf Liste 4, SPD, 939 Stimmen. Stadträte wurden von den Bürgerlichen der Rentner und frühere Malermeister Hermann Stöber und der Studienrat und spätere Oberstudienrektor Otto Kirchhoff, von der USPD der Geschäftsführer Wilhelm Jünke und von der Sozialdemokratischen Partei der Tischler Franz Ha-nisch. Stöber starb am 04.08.1923. Er war mehr als 25 Jahre Stadtverordneter gewesen, lange Zeit davon auch deren Vorsitzender und jetzt leider für nur ein ¾ Jahr Stadtrat. An ihn erinnert die „Hermann-Stöber-Straße“. Er wohnte in Helmstedt Ziegenmarkt 1. Kirchhoff wurde Dezernent für das Wohnungswesen, Hanisch für das Siedlungswesen, Fürsorge und Teile des Wohlfahrtswesens, Jünke für die Lebensmittelversorgung und die Preisprü-fungsstelle und Stöber für das Gas- und Wasserwerk, Bauwesen, Kanalisation, Straßenbeleuchtung und Marktwesen. Nach seinem Tode wurde ab 28.08.1923 der Kaufmann Kurdum, Bötti-cherstraße 14, sein Nachfolger: 1924 erhielt das Land Braunschweig eine neue Städteordnung. Sie hob das bisherige Geselz aus dem Jahre 1892 und das von 1919 auf. Entsprechend dem Bemühen, mehr Demokratie zu wagen, wurden die Rechte der Stadtverordnetenversammlung verstärkt. Das Zweikammersystem der bisherigen Städteordnung wurde abgeschafft. Es galt ohnehin nur für einige besondere städtische Belange. Es hatte darin bestanden, daß in gesetzlich genau festgelegten Fällen Beschlüsse nur in der sogenannten Vereinigten Versammlung, bestehend aus den Stadtverordneten und den Mitgliedern des Magistrats (einschließlich Bürgermeister), gefaßt werden konnten. Beibehalten wurde aber der Magistrat, der jetzt Rat der Stadt hieß. Er war nach wie vor ein Kollegi-um, bestehend aus dem Vorsitzenden, der die Bezeichnung Bürgermeister führte und auf mindestens sechs Jahre zu wählen war, und aus mindestens zwei weiteren Mitgliedern. Die genaue Zahl war durch Ortsgesetz festzusetzen. In Helmstedt waren es vier. Sie trugen die Bezeichnung „Stadtrat“. Es waren wiederum Bürger der Stadt, die unbesoldet als Dezernenten im Dienste der Allgemeinheit tätig waren. Sie wurden jetzt nicht mehr wie 1919 und 1922 von den wahlberechtigten Einwohnern direkt gewählt, sondern nach der neuen Städteordnung von den Stadtverordneten. Sie hatten somit deren Vertrauen und sollten den Einfluß der Bürger bei den unmittelbaren Verwaltungsgeschäften sichern. Besoldete Stadträte, die auch hätten ernannt werden können, hat Helmstedt nie gehabt. Auch der damalige Leiter des Rechtsamtes, der Stadtsyndikus Wendt, war kein gewählter Stadtrat, sondern besoldeter Beamter. Er mußte 1933 offenbar aus politischen Gründen seinen Dienst aufgeben. Er war dann Rechtsanwalt in Helmstedt. 1925 war die Wahlperiode des Stadtrats abgelaufen. Schon am 02.04. wurden von den Stadtverordneten der Studienrat Meinhold Kirchhoff und der Kaufmann Kurdum von der Liste 2, der Tischler Hanisch und der Gewerkschaftssekretär Werner von der Liste 1 zu Stadträten gewählt. Herr Werner verzog im Mai 1926 nach Gladbeck. Für ihn kam der Justizobersekretär Schnelle in den Stadtrat. Die Tätigkeit war nach wie vor ehrenamtlich, die Stadträte erhielten noch nicht einmal die Aufwandsentschädigung der Stadtverordneten, denen monatlich 30 Mark zustanden. - Bei der nächsten Wahl am 17.03.1928 kamen der Oberstudienrat Otto Kirchhoff, damals Moltkestraße 14 (heute Gustav-Steinbrecher-Straße), der Tischler Fr. Hanisch, Braunschweiger Tor 20, der Justizobersekretär Schnelle, Goethestraße 36, und der Rentner Hermann Deppold, Walbecker Straße 27, in den Magistrat der Stadt. Inzwischen gab es für diese zeitraubende Arbeit monatlich 30 Mark. Herr Hanisch schied altershalber Anfang 1930 aus. Nachfolger wurde der Tischlermeister Heinrich Kühne, Braunschweiger Straße 18. Für Herrn Schnelle, der im Mai 1930 sein Amt niederlegte, rückte der Gewerkschaftsangestellte Paul Beccard, Trift-weg 22, nach. - Am 12.03.1931 wurden durch Wahl der Oberstudienrat O. Kirchhoff, der Kaufmann Hans Henneke, Bahnhofstraße 12 (heute Magdeburger Straße), Franz Baumgart und Paul Beccard Stadträte. Inzwischen gab es mit dem 30. Januar 1933 die sog. Machtübernahme durch Hitler, ein nicht nur für Deutschland verhängnisvolles Ereignis. Während am 03.03.1933 laut Mitteilung im „Kreisblatt“ Herr Henneke aus beruflichen Gründen sein Amt niederlegte - für ihn kam der Fabrikbesitzer Hugo Siebler -, findet sich unter dem 28.03.1933 die Notiz: „Die Herren Stadträte Beccard und Baumgart sind im Interesse des Dienstes beurlaubt. Beiden ist mündlich Kenntnis gegeben.“ Zwei Tage später verzichteten sie auf dieses Ehrenamt. Der Grund ist an anderer Stelle erörtert worden. Auch Otto Kirchhoff verzich-tete. Durch das Gesetz über die Neubildung des Landtages, der Kreistage und der Stadtverordnetenversammlungen vom 04.03.1933 wurde das Stadtparlament neu zusammengestellt. Wahlvorschläge hatten nur noch die NSDAP und der Kampfblock „Schwarz-Weiß-Rot“ der Deutschen Volkspartei gemacht. Die Deutsche Zentrumspartei hatte ihren Vorschlag zurückgezogen. Die anderen Parteien hatte man gewaltsam von der politischen Willensbildung ausgeschlossen. Nach dem Verhältnis der diesen beiden Wahlvorschlägen bei der am 05.03.1933 vorgenommenen Reichstagswahl zugefallenen Stimmen entfielen im Stadtparlament auf die NSDAP 14 Sitze und auf den Kampfblock drei. Es wählte auch die Stadträte neu: die Herren Schünemann, Denecke, Most und Schlimme. Beruhte die Zusammensetzung der Stadtverordneten schon auf keiner Wahl, so wurden in Zukunft ausscheidende Stadträte und Verordnete durch Entscheidung des Bürgermeisters einfach ergänzt. Bürgermeister Dr. Velke, der im Sommer 1925 für die Dauer von 12 Jahren erneut gewählt worden war - diese Wahl war wegen der neuen Städteordnung erforderlich geworden -, reichte im Oktober 1933 aus „dienstlichen Erwägungen“ ein Gesuch um Versetzung in den Ruhestand ein. In der ersten Stadtverordnetenversammlung nach der „Machtübernahme“ vom Januar 1933 am 27.04.1933 hatte sich Dr. Velke in einer Erklärung noch voll hinter die nationale Regierung Bestellt. Dem Bericht des Kreisblattes nach erklärte er oder mußte er dazu erklären, daß ihm nunmehr Gelegenheit gegeben sei, nur mit Männern der Tat und Männern nationalen Gesetzes zusammenzuarbeiten, deren politisch-wirtschaftliches Programm Gewähr dafür bietet, daß ein Wendepunkt in der Kommunalverwaltung und damit in der Geschichte der Stadt eintrete. Gchol-fen hat es ihm nichts, er sei, wie sich in der Sitzung vom 17.10.1933 anläßlich der Beratung über das Entlassungsgesuch ein Stadtverordneter ausdrückte, weder rechts noch links, weder beim „Stahlhelm“ noch beim „Reichsbanner“, und eine klare Haltung sei bei diesem Man in keiner Form hervorgetreten. Einer der vier Stadträte sprach weiter davon, daß sich ein gedeihliches Zusammenarbeiten des Rates der Stadt mit Dr. Velke in der Zeit nach der nationalsozialistischen Revolution als nicht möglich erwiesen habe. So habe er, als man übereingekommen sei, den Stadtsvndikus Wendt im Wege eines Verfahrens aus dem städtischen Dienst zu entlassen, jenem trotzdem ein Zeugnis ausgestellt und darin dessen Eignung und Befähigung während seiner Dienstzeit im schönsten Lichte erscheinen lassen. Ein anderer Stadtrat argumentierte, daß mit der Entlassung des Dr. Velke der Liberalismus aus dem Rathaus endgültig verschwinden werde. Das stimmte sicherlich und wurde damals positiv gesehen. Dem Gesuch des Bürgermeisters um Versetzung in den Ruhestand wurde einstimmig stattge-geben. Er wurde bei einer jährlichen Pension von damals 8.204,88 Reichsmark einschließlich 960 Reichsmark Kinderzulage in den Ruhestand versetzt. Dr. Velke blieb in Helmstedt. Aus seiner Wohnung Roonstraße2) 1 (heute Dr.-Heinrich-Jasper-Straße) zog er um in die Parkstraße 2 und eröffnete dort eine Rechtsanwaltspraxis. Am 27.11.1952 starb er in Querenhorst während einer Jagd an einem Herzschlag. Dr. Velke stammte aus Velpke (er war dort am 09.12.1883 als Sohn eines Steinbruchbesitzers geboren). - Die Geschäfte des Bürgermeisters führten jetzt bis zum Januar 1935 die vier Stadträte, insbesondere der Zahnarzt Paul Denecke vom Kleinen Wall 19. Dann kam Bürgermeister Kurt Drechsler. Den Mitgliedern des Helmstedter Rates sind einige der hier gewürdigten Persönlichkeiten bei jeder Sitzung gegenwärtig. Sie sind in Porträts abgebildet in den Buntfenstern unseres Sit-zungssaals. Es sind dies von links nach rechts [[Johann Dietrich Lichtenstein]], Adolf Hartwieg, Hildebert Guericke und Franz Schönemann. | Erstmalig wird nach Ferbers Pensionierung ein Bürgermeister vom Magistrat und von der Stadtverordnetenversammlung gewählt. nicht mehr vom Herzog ernannt. Allerdings bedarf die Wahl eines Bürgermeisters der Bestätigung durch den Landesherrn. Gewählt wurde Carl Claus, geboren am 17 02 1913 in Helmstedt. Seine Bltern waren Anfang des Jahrhunderts nach Helmstedt gezogen, der Vater war Pedell beim Kreisgericht, das damals in den Räumen der aufgehobenen Universität war. Dort wuchs der Sohn mit einem Bruder und zwei Schwestern auf. Ar besuchte hier das Gymnasium bis zum Abitur. Geld für ein Studium war offenbar nicht vorhan-den. Der junge Abiturient bewarb sich deshalb und sogar erfolgreich um eine Stelle als Auditor bei der Stadt. Zehn Jahre später wurde er, wie erwähnt, zum Bürgermeister mit einem Jahresgehalt von 600 Talern gewählt. Nun konnte er auch heiraten, am 17. Oktober 1844 fand in der St. Stephani-Kirche die feierliche Eheschließung mit der Tochter des Kaufmanns und Stadtrats E, C. À. Bötticher statt, dessen Nachfahren heute noch in Helmstedt leben. Die Familie Bötticher ist u. a. Inhaberin der Firma Fuhrmann. Am 24. Juli 1845 wurde der Sohn Johann Friedrich geboren, der leider 1851 starb. Bei der Geburt des zweiten Sohnes am 01. März 1848 starb die Ehefrau und kurz danach auch das Kind Beide wurden gemeinsam in einem Sarg auf dem „Alten Friedhof“ begraben. Claus hat nicht wieder geheiratet, seine zwei Jahre jüngere ledige Schwester betreute ihn. Die viele Arbeit als Bürgermeister half ihm über die Trauer hinweg. Noch im Dienst starb er, gerade einmal 61 Jahre alt geworden, am 11. Juni 1874. Nach dem Tod des Bürgermeisters Claus übernahm das ehrenamtliche Magistratsmitglied Louis Löser die Geschäfte der Stadt. Er regelte auch die Wahl des neuen Bürgermeisters. Auf die Ausschreibung bewarben sich vier Juristen, diese Vorbildung war gefordert worden. Gewählt wurde mit 11 von insgesamt 20 Stimmen der 25jährige Polizeiassessor Hartwieg aus Braunschweig. Er war 1849 in Gittelde als Sohn eines Landarztes geboren. Nach dem Abitur hatte er Rechtswissenschaften studiert und war vor seiner Helmstedter Zeit bei der herzoglichen Polizeidirektion beschäftigt gewesen. Der Herzog bestätigte die Wahl und verlieh Hartwieg den Titel „Bürgermeister“. Am 02.10.1874 wurde er vereidigt und in sein Amt eingeführt. Kennern der braunschweigischen Geschichte ist der Name Hartwieg als späterer leitender Minister des Herzogtums bekannt. 1879 verließ er Helmstedt. Der Herzog hatte ihn zum Ministerialse-kretär mit dem Titel eines Regierungsassessors ernannt und ihm aufgegeben, die neue Stelle spätestens am 01.06. anzutreten. Gewohnt hat Hartwieg im Stadthaus für eine jährliche Miete von 300 Thir. Sein Gehalt betrug 1.200 Rthlr. jährlich bei einer Steigerung um 10 Thir. alle drei Jahre bis zur Höchstgrenze von 1.800 Thir. 1914 ist Hartwieg in Braunschweig gestorben. Die Ausschreibung der erneut freigewordenen Bürgermeisterstelle erfolgte im ganzen Reichsgebiet. Es bewarben sich 21 Personen, darunter nur zwei Braunschweiger, die aber nach eingezogenen Erkundigungen zu dem Amt eines Vorstehers des Stadtmagistrats nicht geeignet erschienen. Das mußte dem Herzog ausdrücklich mitgeteilt werden, denn Braunschweiger Waren zu bevorzugen. Gewählt wurde der Bürgermeister von Tarnowitz, Hildebert Guericke, mit 16 gegen eine Stimme. Tarnowitz lag im damaligen Oberschlesien unmittelbar an der Grenze, es hatte viele polnische Einwohner. Dies war auch der Grund, weshalb Guericke sich verändern wollte. Er war 1848 in Halle an der Saale als Sohn eines Professors der Theologie geboren. Seit 1877 war er Bürgermeister von Tarnowitz. Das Gehalt in Helmstedt war geringer: 3.600 Thir. gegenüber dort 4.000. Dennoch nahm er die Wahl an. Mit dem Magdeburger Bürgermeister und Kollegen Otto von Guericke (1602 - 1686) sind unsere Guerickes weitläufig verwandt. In die Zeit der Amtsführung des Bürgermeister Guericke fiel die bereits erwähnte Erweiie-rung der Stadt zum Westen bzw. Nordwesten hin, also die Erbauung der heutigen Unterstadt. Mit dem 01.10.1898 schied Bürgermeister Guericke krankheitshalber aus seinem Amt aus. Die vielen Aufgaben, aber auch, mancherlei Kritik, die er über sich hat ergehen lassen müssen, haben sicherlich an seinen Kräften gezehrt. Er war ein etwas empfindsamer Mensch, der über so manches nicht so leicht hinweggehen konnte und der aber auch nicht immer das richtige Gespür für die eigenen Äußerungen hatte. So beantragte er erstmals unter dem 09.03.1892 seine Pensionierung. Diesem Gesuch wurde nicht entsprochen. - Nach Kuren in Lugano (1894) und Bad Wildungen (1895) wurde ein erneuter Antrag angenommen. Bei einem Abschiedsessen im Stadthaus am Sonntag, dem 25.09.1898, wurde er mit vielen Lobreden verabschiedet. Guericke hat zeitweise in der Wilhelmstraße 14 und später Südstraße 10 gewohnt. - Nach seiner Pensionierung hat er Helmstedt verlassen. Er lebte zunächst in der Nähe von Wernigero-de, später in Wilhelmshaven. Er verstarb am 24.03.1928 in Neuersburg/Oldenburg. Nachfolger wurde einer der acht Juristen, die sich beworben hatten: Franz Schönemann, zuletzt in Holzminden tätig. Er war am 03.09.1868 in Seesen geboren. Verlockend war derzeit das Amt wohl nicht, denn von denen, die sich beworben hatten, waren die meisten Braunschweiger und ansonsten sehr unbekannt. In Schönemanns Amtszeit wurde das neue Rathaus gebaut, er hatte die Schwierigkeiten des Ersten Weltkrieges und die noch größeren im Jahr danach zu be-wältigen. Die an anderer Stelle geschilderten Ereignisse im April 1919 waren wohl auch der Grund, weshalb er sich nicht wieder um das Amt des Bürgermeisters bemühte. Zum 01.10.1919 schied er aus. Das Helmstedter Kreisblatt widmete ihm ein Drittel der lokalen Seite. Es verweist zunächst auf die Bauten zu seiner Zeit: „Um nur einiges aus seiner Tätigkeit herauszugreifen, sei auf das Armenhaus, das Rathaus, das Wasserwerk, Kapelle des Stephani-Friedhofs, die Er-sl-August-Schule, Erweiterung der landwirtschaftlichen Schule, Erweiterung des Krankenhau-ses, Ausbau der Kanalisation und Neubau des Waisenhauses hingewiesen. Es sind dies Arbeiten, die in die Augen springen: unbemerkt von den meisten ist jedoch von Bürgermeister Schönemann eine ganz ungeheure Arbeit in den Mauern des Rathauses geleistet, die nur der zu würdigen versteht, der sie kennt.“ Er war weiter Landtagsabgeordneter in Braunschweig. In dieser Position setzte er seine Kraft ein, um mit viel Geschick das Beste für die Stadt herauszuholen. Er hat für die Stadt, so das Kreisblatt, „große Flächen Grundbesitz in ihrer Hand vereinigt“, um so die Möglichkeit zu schaffen, an der Preisfestsetzung der Grundstücke mitzuwirken und billiges Gelände für städtische Zwecke zur Verfügung zu haben. Wie alle Bürgermeister, so wurde auch Schönemann ein Opfer der „neuen Zeit“, denn die Revolution ließ durch „Gesetz über die Wahlen der Vorsteher und der Mitglieder des Rates in den Städten des Freistaates Braunschweig“ vom 09.08.1919 die Amtszeit aller Bürgermeister und Magistratsmitglieder zum 30.09.1919 enden. So ging Schönemann in den Ruhestand, er wollte, wie bereits erwähnt, für das Amt des Bürgermeisters über den 30.09. hinaus nicht kandi-dieren. Sicherlich wäre er gewählt worden. Er zog auf sein Rittergut nach Rottorf bei Königslut-ler. Dies hatte er sich auch mit dem Vermögen seiner Ehefrau gekauft. Dort starb er am 19.04.1953. Am 01.10.1919 traten nun diejenigen Bürger als Bürgermeister oder als Magistrat ihr Amt in, die von der wahlberechtigten Bürgerschaft, das waren alle männlichen und nun auch weiblichen Personen, die 20 Jahre alt und älter waren, in freier, gleicher, geheimer und direkter Wahl gewählt worden waren. Es war die erste und auch einzige unmittelbare Wahl eines Bürgermeisters durch die Bürger: Insoweit nahm man es mit der Demokratie sehr ernst. Dor Bürgermeister wurde auf sechs, die Stadträte (der Magistrat) auf drei Jahre gewählt. Frü den Bürgermeister war die absolute Mehrheit erforderlich, d. h., er musste mehr also 50 % der gültogen Stimmen haben, bei den Stadträten genügte die einfache Mehrheit, hier galt das System der Verhältniswahl. Durch die Listenwahl hier bei uns in Helmstedt hatte dieses Wahlsystem 1919 noch keine Be- deutung Zu der Wahl am 21.09.1919 kandidierten auf der Liste 1 für das Amt des Bürgermeisters der Stadtsyndikus Dr. Velke und für das des Stadtrats der Fabrikbesitzer Karl Fickendey und der Zigarrenfabrikant Gottfried Schipper, Markt 9. Diese Liste wurde von der SPD, der Deutschen Demokratischen Partei und der Christlichen Volkspartei unterstützt. Die Liste 2 war die der Unabhängigen Sozialisten. Um das Bürgermeisteramt bewarb sich hier der Invalide Wilhelm Herok, Braunschweiger Straße 9, für das Amt des Stadtrats der Schuhmachermeister Bernhard Lange vom Großen Katthagen und der Gastwirt Karl Lehmann vom Holzberg. Gewählt wurde mit 4.327 Stimmen Dr. Velke. Für den Kandidaten der Liste 2 waren 1.313 Stimmen abgegeben worden. Stadträte wurden Fickendey (Gas- und Wasserwerk, Bauwesen, Kanalisation und Lebensmittelversorgung) und Schipper (Fürsorge, Marktwesen, Waisenhaus, Preisprüfungsstelle). Noch einmal durften die Bürger die Stadträte direkt wählen. Das war am 17.09.1922. Es konnten aber nur Listen, nicht Kandidaten angekreuzt werden. Gewählt wurden jetzt vier Stadt-räte. Auf Liste 1, die Bürgerlichen, entfielen 3.595, auf Liste 2, Kommunistische Partei, 866, auf Liste 3, USPD, 1.482 und auf Liste 4, SPD, 939 Stimmen. Stadträte wurden von den Bürgerlichen der Rentner und frühere Malermeister Hermann Stöber und der Studienrat und spätere Oberstudienrektor Otto Kirchhoff, von der USPD der Geschäftsführer Wilhelm Jünke und von der Sozialdemokratischen Partei der Tischler Franz Ha-nisch. Stöber starb am 04.08.1923. Er war mehr als 25 Jahre Stadtverordneter gewesen, lange Zeit davon auch deren Vorsitzender und jetzt leider für nur ein ¾ Jahr Stadtrat. An ihn erinnert die „Hermann-Stöber-Straße“. Er wohnte in Helmstedt Ziegenmarkt 1. Kirchhoff wurde Dezernent für das Wohnungswesen, Hanisch für das Siedlungswesen, Fürsorge und Teile des Wohlfahrtswesens, Jünke für die Lebensmittelversorgung und die Preisprü-fungsstelle und Stöber für das Gas- und Wasserwerk, Bauwesen, Kanalisation, Straßenbeleuchtung und Marktwesen. Nach seinem Tode wurde ab 28.08.1923 der Kaufmann Kurdum, Bötti-cherstraße 14, sein Nachfolger: 1924 erhielt das Land Braunschweig eine neue Städteordnung. Sie hob das bisherige Geselz aus dem Jahre 1892 und das von 1919 auf. Entsprechend dem Bemühen, mehr Demokratie zu wagen, wurden die Rechte der Stadtverordnetenversammlung verstärkt. Das Zweikammersystem der bisherigen Städteordnung wurde abgeschafft. Es galt ohnehin nur für einige besondere städtische Belange. Es hatte darin bestanden, daß in gesetzlich genau festgelegten Fällen Beschlüsse nur in der sogenannten Vereinigten Versammlung, bestehend aus den Stadtverordneten und den Mitgliedern des Magistrats (einschließlich Bürgermeister), gefaßt werden konnten. Beibehalten wurde aber der Magistrat, der jetzt Rat der Stadt hieß. Er war nach wie vor ein Kollegi-um, bestehend aus dem Vorsitzenden, der die Bezeichnung Bürgermeister führte und auf mindestens sechs Jahre zu wählen war, und aus mindestens zwei weiteren Mitgliedern. Die genaue Zahl war durch Ortsgesetz festzusetzen. In Helmstedt waren es vier. Sie trugen die Bezeichnung „Stadtrat“. Es waren wiederum Bürger der Stadt, die unbesoldet als Dezernenten im Dienste der Allgemeinheit tätig waren. Sie wurden jetzt nicht mehr wie 1919 und 1922 von den wahlberechtigten Einwohnern direkt gewählt, sondern nach der neuen Städteordnung von den Stadtverordneten. Sie hatten somit deren Vertrauen und sollten den Einfluß der Bürger bei den unmittelbaren Verwaltungsgeschäften sichern. Besoldete Stadträte, die auch hätten ernannt werden können, hat Helmstedt nie gehabt. Auch der damalige Leiter des Rechtsamtes, der Stadtsyndikus Wendt, war kein gewählter Stadtrat, sondern besoldeter Beamter. Er mußte 1933 offenbar aus politischen Gründen seinen Dienst aufgeben. Er war dann Rechtsanwalt in Helmstedt. 1925 war die Wahlperiode des Stadtrats abgelaufen. Schon am 02.04. wurden von den Stadtverordneten der Studienrat Meinhold Kirchhoff und der Kaufmann Kurdum von der Liste 2, der Tischler Hanisch und der Gewerkschaftssekretär Werner von der Liste 1 zu Stadträten gewählt. Herr Werner verzog im Mai 1926 nach Gladbeck. Für ihn kam der Justizobersekretär Schnelle in den Stadtrat. Die Tätigkeit war nach wie vor ehrenamtlich, die Stadträte erhielten noch nicht einmal die Aufwandsentschädigung der Stadtverordneten, denen monatlich 30 Mark zustanden. - Bei der nächsten Wahl am 17.03.1928 kamen der Oberstudienrat Otto Kirchhoff, damals Moltkestraße 14 (heute Gustav-Steinbrecher-Straße), der Tischler Fr. Hanisch, Braunschweiger Tor 20, der Justizobersekretär Schnelle, Goethestraße 36, und der Rentner Hermann Deppold, Walbecker Straße 27, in den Magistrat der Stadt. Inzwischen gab es für diese zeitraubende Arbeit monatlich 30 Mark. Herr Hanisch schied altershalber Anfang 1930 aus. Nachfolger wurde der Tischlermeister Heinrich Kühne, Braunschweiger Straße 18. Für Herrn Schnelle, der im Mai 1930 sein Amt niederlegte, rückte der Gewerkschaftsangestellte Paul Beccard, Trift-weg 22, nach. - Am 12.03.1931 wurden durch Wahl der Oberstudienrat O. Kirchhoff, der Kaufmann Hans Henneke, Bahnhofstraße 12 (heute Magdeburger Straße), Franz Baumgart und Paul Beccard Stadträte. Inzwischen gab es mit dem 30. Januar 1933 die sog. Machtübernahme durch Hitler, ein nicht nur für Deutschland verhängnisvolles Ereignis. Während am 03.03.1933 laut Mitteilung im „Kreisblatt“ Herr Henneke aus beruflichen Gründen sein Amt niederlegte - für ihn kam der Fabrikbesitzer Hugo Siebler -, findet sich unter dem 28.03.1933 die Notiz: „Die Herren Stadträte Beccard und Baumgart sind im Interesse des Dienstes beurlaubt. Beiden ist mündlich Kenntnis gegeben.“ Zwei Tage später verzichteten sie auf dieses Ehrenamt. Der Grund ist an anderer Stelle erörtert worden. Auch Otto Kirchhoff verzich-tete. Durch das Gesetz über die Neubildung des Landtages, der Kreistage und der Stadtverordnetenversammlungen vom 04.03.1933 wurde das Stadtparlament neu zusammengestellt. Wahlvorschläge hatten nur noch die NSDAP und der Kampfblock „Schwarz-Weiß-Rot“ der Deutschen Volkspartei gemacht. Die Deutsche Zentrumspartei hatte ihren Vorschlag zurückgezogen. Die anderen Parteien hatte man gewaltsam von der politischen Willensbildung ausgeschlossen. Nach dem Verhältnis der diesen beiden Wahlvorschlägen bei der am 05.03.1933 vorgenommenen Reichstagswahl zugefallenen Stimmen entfielen im Stadtparlament auf die NSDAP 14 Sitze und auf den Kampfblock drei. Es wählte auch die Stadträte neu: die Herren Schünemann, Denecke, Most und Schlimme. Beruhte die Zusammensetzung der Stadtverordneten schon auf keiner Wahl, so wurden in Zukunft ausscheidende Stadträte und Verordnete durch Entscheidung des Bürgermeisters einfach ergänzt. Bürgermeister Dr. Velke, der im Sommer 1925 für die Dauer von 12 Jahren erneut gewählt worden war - diese Wahl war wegen der neuen Städteordnung erforderlich geworden -, reichte im Oktober 1933 aus „dienstlichen Erwägungen“ ein Gesuch um Versetzung in den Ruhestand ein. In der ersten Stadtverordnetenversammlung nach der „Machtübernahme“ vom Januar 1933 am 27.04.1933 hatte sich Dr. Velke in einer Erklärung noch voll hinter die nationale Regierung Bestellt. Dem Bericht des Kreisblattes nach erklärte er oder mußte er dazu erklären, daß ihm nunmehr Gelegenheit gegeben sei, nur mit Männern der Tat und Männern nationalen Gesetzes zusammenzuarbeiten, deren politisch-wirtschaftliches Programm Gewähr dafür bietet, daß ein Wendepunkt in der Kommunalverwaltung und damit in der Geschichte der Stadt eintrete. Gchol-fen hat es ihm nichts, er sei, wie sich in der Sitzung vom 17.10.1933 anläßlich der Beratung über das Entlassungsgesuch ein Stadtverordneter ausdrückte, weder rechts noch links, weder beim „Stahlhelm“ noch beim „Reichsbanner“, und eine klare Haltung sei bei diesem Man in keiner Form hervorgetreten. Einer der vier Stadträte sprach weiter davon, daß sich ein gedeihliches Zusammenarbeiten des Rates der Stadt mit Dr. Velke in der Zeit nach der nationalsozialistischen Revolution als nicht möglich erwiesen habe. So habe er, als man übereingekommen sei, den Stadtsvndikus Wendt im Wege eines Verfahrens aus dem städtischen Dienst zu entlassen, jenem trotzdem ein Zeugnis ausgestellt und darin dessen Eignung und Befähigung während seiner Dienstzeit im schönsten Lichte erscheinen lassen. Ein anderer Stadtrat argumentierte, daß mit der Entlassung des Dr. Velke der Liberalismus aus dem Rathaus endgültig verschwinden werde. Das stimmte sicherlich und wurde damals positiv gesehen. Dem Gesuch des Bürgermeisters um Versetzung in den Ruhestand wurde einstimmig stattge-geben. Er wurde bei einer jährlichen Pension von damals 8.204,88 Reichsmark einschließlich 960 Reichsmark Kinderzulage in den Ruhestand versetzt. Dr. Velke blieb in Helmstedt. Aus seiner Wohnung Roonstraße2) 1 (heute Dr.-Heinrich-Jasper-Straße) zog er um in die Parkstraße 2 und eröffnete dort eine Rechtsanwaltspraxis. Am 27.11.1952 starb er in Querenhorst während einer Jagd an einem Herzschlag. Dr. Velke stammte aus Velpke (er war dort am 09.12.1883 als Sohn eines Steinbruchbesitzers geboren). - Die Geschäfte des Bürgermeisters führten jetzt bis zum Januar 1935 die vier Stadträte, insbesondere der Zahnarzt Paul Denecke vom Kleinen Wall 19. Dann kam Bürgermeister Kurt Drechsler. Den Mitgliedern des Helmstedter Rates sind einige der hier gewürdigten Persönlichkeiten bei jeder Sitzung gegenwärtig. Sie sind in Porträts abgebildet in den Buntfenstern unseres Sit-zungssaals. Es sind dies von links nach rechts [[Johann Dietrich Lichtenstein]], Adolf Hartwieg, Hildebert Guericke und Franz Schönemann. | ||