Helmstedt – die Geschichte einer deutschen Stadt: Unterschied zwischen den Versionen
| (13 dazwischenliegende Versionen desselben Benutzers werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 101: | Zeile 101: | ||
== Helmstedt im Mittelalter == | == Helmstedt im Mittelalter == | ||
== Das Helmstedter Stadtrecht == | == Das Helmstedter Stadtrecht == | ||
--> | --> | ||
== Die Befestigungsanlagen der Stadt Helmstedt (S. 75–94) == | |||
„Bürger und Bauer scheidet nichts, denn die Mauer.“ Dieses alte Rechtssprichwort ist uns mit vielen anderen durch das Buch des [[Helmstedt]]er Professors Dr. [[Johann Friederich Eisenhart]] „Grundsätze der Deutschen Rechte in Sprüchwörtern“, gedruckt [[1758]] bei dem Helmstedter Verleger [[Christian Friedrich Weygand|Weygand]], überliefert. Es sagt aus, worin sich jedenfalls äußerlich eine Stadt von einem Dorf im Mittelalter unterschied: durch ein Befestigungswerk, das ursprünglich auch aus Palisaden mit Gestrüpp und Sträuchern hat bestehen können. Wurde einem solchen Ort dann auch noch das Recht verliehen, Märkte abzuhalten, Münzen zu prägen, Zölle, Abgaben und Steuern zu erheben oder zu verlangen, dass Fernhändler ihre Ware dort zu stapeln hatten usw., so war aus diesem Ort eine Stadt im rechtlichen Sinne geworden, wobei die Einnahmen nicht unbedingt der Stadt selbst zukommen mussten, in der Regel erhielt sie der Stadtherr. | |||
Es gibt noch ein zweites, ebenfalls von [[Johann Friederich Eisenhart|Eisenhart]] festgehaltenes Sprichwort: „Keine Henne fliegt über die Mauer“. Mit Henne ist, den Erläuterungen nach, ein Leibeigener gemeint, das heißt jemand, der einem Grundherrn mit persönlichen Diensten und stark eingeengten Rechten untertan war. Hatte er etwas Land, so war er ein unfreier Höriger. In einer Stadt konnten aber nur freie Menschen wohnen. Es gab dort natürlich Arbeiter, aber keine Leibeigenen oder Hörige. Das besagt ein weiterer, bei [[Johann Friederich Eisenhart|Eisenhart]] allerdings nicht festgehaltener Rechtssatz, der große Bedeutung für das Städtewesen hatte: „Stadtluft macht frei“. Jemand, der als Unfreier einem Grundherrn weggelaufen war und mindestens „Jahr und Tag“ – das waren: ein Jahr, ein Monat, eine Woche und ein Tag – in einer Stadt unbehelligt gelebt hatte, war dadurch frei. Das diente dem Rechtsfrieden, denn sein Herr durfte ihn weder zurückfordern noch durch seine Knechte zurückbringen lassen. Das diente auch der Bevölkerungsentwicklung, denn im hohen Mittelalter war eine Stadt daran interessiert, möglichst viele tüchtige Menschen in ihren Mauern zu haben und zu behalten. Umgekehrt allerdings galt: „Landluft macht unfrei“. Wer sich längere Zeit in einem Dorf aufhielt, der verlor seine persönliche Freiheit. | |||
Wann nun [[Helmstedt]] zum ersten Mal befestigt wurde, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, wann es erstmals Stadtrechte bekommen hat. | |||
In der so wichtigen Urkunde des Abtes Gerhard von Werden, des damaligen [[Helmstedt]]er Stadtherrn, aus dem Jahre [[1247]] sind ihr bereits die Stadtrechte bestätigt worden, sie waren also älter. Da aber dieses Dokument die erste und damit älteste Urkunde mit städtischen Rechten ist, berechnen wir die Stadtwerdung [[Helmstedt]]s von diesem Jahr an. Deshalb wurde auch [[1947]] trotz der damals schweren Nachkriegszeit eine 700-Jahr-Feier organisiert. | |||
In den verbrieften Rechten von [[1247]] heißt es unter anderem, dass derjenige, der ein Fuder Wein, etwa 900 l, verkauft, davon sechs Schillinge zur weiteren Verstärkung der Stadtbefestigung dem Rat der Stadt geben soll. Damit erfahren wir etwas von einem solchen Schutz und zugleich davon, dass es ihn [[1247]] schon gegeben hat. Mit Sicherheit war er auch bereits in der Neujahrsnacht [[1199]]/[[1200]] vorhanden, als [[Helmstedt]] von den Kriegern des Erzbischofs von Magdeburg zerstört wurde, wenn auch sicherlich nicht in der Form einer festen Mauer und auch nicht in dem Umfang wie später. Der große Hof in den [[Edelhöfe]]n und der Bereich [[Streplingerode]] lagen außerhalb, Wik, [[Markt]] und das alte Dorf werden einbezogen gewesen sein. | |||
Der in der Erforschung der Geschichte unserer Stadt verdienstvolle Professor Dr. Paul Jonas Meier, Direktor der Herzoglichen Museen in Braunschweig, hat sich in dem [[1895]] in der Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Altertumskunde veröffentlichten Aufsatz „Die Befestigung der Stadt [[Helmstedt]] im Mittelalter“ und in seinem bekannten Werk „Die Bau- und Kunstdenkmäler des [[Landkreis Helmstedt|Kreises Helmstedt]]“, Wolfenbüttel [[1896]], mit diesen Sicherungsanlagen so eingehend beschäftigt, dass seine Ausführungen auch heute noch herangezogen werden müssen. Sie, wie Unterlagen aus dem [[Stadtarchiv Helmstedt|Stadtarchiv]], bilden deshalb die Grundlage dieses Kapitels. | |||
Nach der Zerstörung der Stadt [[1199]]/[[1200]] wurde diese sofort wieder aufgebaut. Dabei dachte man schon für die Zukunft und erweiterte den Umfang der Befestigung, zumal die Einwohner umliegender Dörfer in der Stadt Schutz suchten und sich deshalb hier niederließen. Auch die [[St. Walpurgis (Helmstedt)|Walpurgis-Kirche]] mit der [[Streplingerode]] wurde jetzt ebenso einbezogen wie die [[Bauerstraße]]. Um wirklich eine Stadt zu sein und um sich weiter vor erneuten Plünderungen und Zerstörungen zu schützen, wurde nunmehr eine [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]] errichtet. Die beabsichtigte Rundung der Anlage wurde aber verhindert. Um sie zu erreichen, musste der Wall durch das [[Ostendorf]] und damit durch ureigenes [[Kloster St. Ludgeri|Klostergelände]] geführt werden. Das geschah auch und sogar recht rücksichtslos. Das ergab Auseinandersetzungen mit dem Abt in Werden und dem Klosterkonvent in [[Helmstedt]]. Es kam zu der in einer Urkunde aus dem Jahre [[1230]] festgehaltenen Schlichtung des Abtes Gerhard, der gerade erst sein Amt angetreten hatte. Aber dennoch zog sich der Streit weitere Jahre hin. Der Plan des Baues einer Burg mitten in der Stadt dürfte mit auf diesen Differenzen beruhen ([[1232]]). Erst [[1237]] waren die Bürger zu einer Einigung bereit: Die auf dem Grund und Boden des [[Kloster St. Ludgeri|Klosters]] errichteten Befestigungen wurden von ihnen wieder abgerissen und das von ihnen verbarrikadierte [[Ludgeritor]] innerhalb von 14 Tagen wieder geöffnet. Als Gegenleistung bekamen die Bürger ihr Befestigungsrecht verbrieft. Vielleicht entfiel auch deshalb der Bau der Burg. Die [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]] unterbricht seitdem zwischen dem [[Kleiner Wall|Kleinen]] und dem [[Langer Wall|Langen Wall]] ihren geradlinigen Verlauf. Das Tor muss dabei zurückgenommen worden sein, denn es befand sich sogar mit einem Turm, der [[1821]] abgerissen wurde, am Beginn des [[Langer Wall|Langen Walls]]. | |||
Die heute noch vorhandene [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]] ist nicht immer die, die in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtet wurde, denn im 15. Jahrhundert wurde sie wie auch die Türme erneuert und zugleich verstärkt. Das war auch nötig, denn jetzt gab es Kanonen und Feuerrohre. Der Gebrauch dieser neuen Waffen setzte sich im 15. Jahrhundert durch, der Beginn ihrer Anwendung liegt 100 Jahre früher. Zunächst schoss man aus den Kanonen mit Steinkugeln, diese waren in Einzelfällen bis zu 560 Pfund schwer. Schmiedeeiserne Kugeln kamen in Florenz schon [[1326]] vor. Sie bestanden zunächst aus Eisen und Blei, das waren aber teure Materialien. Deshalb ließ z. B. Herzog Julius [[1569]] aus Schlacken seiner Nordharzer Hüttenwerke Kanonenkugeln gießen. Er machte sie zu einem Exportartikel. | |||
Das militärische Fußvolk benutzte aber auch noch gegen Ende des Mittelalters Spieß und Pike als Hauptwaffe, wenn es auch schon Büchsen gab. Die Schlachtszenen der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die uns durch Kupferstiche und Gemälde überliefert sind, zeigen noch zum größten Teil die Bewaffnung nach alter Art. Die älteste Musterungsrolle der Stadt [[Helmstedt]], die aus der Zeit zwischen [[1479]] und [[1485]] stammt, nennt die Namen von 68 Bürgern, die nach [[Robert Schaper]] eine neue Büchse erhalten haben. Von der [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]] aus konnte man die Stadt auch schlecht mit einer Lanze verteidigen. | |||
Im hohen Mittelalter war die [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]] in etwa in ihrem Aussehen der heutigen ähnlich, allerdings höher. Sie besteht durchweg aus viereckigen, massiven Pfeilern von 1 m Breite, die 3 m gegenseitigen Abstand haben und durch flache Stichbögen miteinander verbunden sind. Der Zwischenraum ist mit schlechtem Material gefüllt, das innen und außen fast bis zur Scheitelhöhe des Bogens durch Erdanwurf verdeckt und gefestigt ist“ (Meier, „Baudenkmäler des [[Landkreis Helmstedt|Kreises Helmstedt]]“, Wolfenbüttel, [[1896]], S. 94). Noch heute sind diese Stichbögen deutlich zu erkennen. Durch sie war die [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]] in ihrer Festigkeit durch die neuen Kugeln weniger zu erschüttern. Wenn es dem Feind gelungen war, sie im unteren Bereich zu beschädigen, fiel sie nicht in sich zusammen, sie hielt weiterhin stand. Außerdem muss man wissen, dass die [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]] kein Fundament hatte. Die Rundbögen dienten deshalb auch ihrer Stabilität. | |||
Die Erneuerung im 15. Jahrhundert war notwendig geworden, weil der Feind mit neuen Angriffswaffen erschien. Er bediente sich jetzt nicht mehr nur der Armbrust. Der Mönch Henning Schwartz hatte um ca. [[1300]] das Pulver wiederentdeckt. Es wurde jetzt als Antrieb von Geschossen aus Kanonen oder auch aus Büchsen genutzt. Für solche echten Feuerbüchsen gab es – Einführung bei uns in Deutschland etwa Mitte des 14. Jahrhunderts – als Geschoss aber auch noch den Pfeil. | |||
Über die ersten bekannten Pulverwaffen gibt die Stadtrechnung von Aachen [[1346]] Auskunft und [[1348]] die in Frankfurt.<ref>Bernhard Rathgen „Das Geschütz im Mittelalter“, Berlin 1928, S. 8 bzw. S. 5</ref> Diese Pulverwaffen waren Steinbüchsen mit einem engen Pulver- und einem weiten Geschossraum.<ref>Rathgen, a. a. O., S. 17</ref> | |||
Ihre Verbesserung waren die Hakenbüchsen, diese hat es als einfache Handbüchsen – ca. 2,5 kg schwer – oder als Büchse mit einem Auflieger, da sie ca. 15 kg schwer waren, gegeben. Der angegossene oder angeschmiedete Haken diente zum Auffangen des Rückstoßes und gab dieser Waffe zugleich den Namen. In Frankfurt/Main werden diese Büchsen erstmals [[1418]], in Braunschweig in der Zeit von [[1415]] bis [[1419]] erwähnt.<ref>Rathgen, a. a. O., S. 62</ref> | |||
Daneben gab es aber immer noch Hellebarden, eine Verbindung von Axt und Spieß, und Federspieße, das waren Waffen, „deren Spitze mit langen Schaftfedern auf der Stange befestigt war und die seitlich einen Knebel oder Knopf trugen, der dazu dienen sollte, ein zu tiefes Eindringen der Eisenspitze in den Körper zu verhindern“.<ref>de Lorme „Eine Helmstedter Musterungsrolle vom Jahre 1548“ (in Heft 8 des 7. Jahrgangs der Zeitschrift der Zentralstelle für niedersächsische Familiengeschichte, etwa 1925)</ref> | |||
Die Bedeutung dieser herkömmlichen Waffe war für den Nahkampf nicht gering. Demgegenüber war der „Schaden“, den die neuen Handfeuerwaffen anrichten konnten, begrenzt. Denn dem von ihnen abgeschossenen Stein konnte man ausweichen, im übrigen verhinderte der noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts getragene Harnisch größere Verletzungen. Selbst abgeschossene Pfeilbündel prallten an dieser Wehr ab. | |||
So war denn auch die Hauptaufgabe der Steinbüchse das Brechen der Mauern. Dazu gab es aber andere Geschütze, die eine größere Wirkung hatten. | |||
Eines der ältesten Geschütze war die „Blide“, eine Art Hebelgeschütz. Sie beruhte auf physikalischen Gesetzen, die man beim Schleudern von Gegenständen mit Hilfe einer Schlinge und menschlicher Muskelkraft erkannt hatte. Sie war entsprechend ihrer Ausgestaltung eine Stabschleuder im großen. Dieses Geschütz ist in Deutschland von [[1212]] an bezeugt.<ref>Rathgen, a. a. O., S. 611</ref> | |||
„Die Blide sollte als Hauptaufgabe Deckungen, Häuser und Gewölbe von oben her durchschlagen, sollte hinter Mauern oder sonst verdeckt aufgestellte Pulver- und Fernwaffen außer Gebrauch setzen oder sollte Brandgeschosse ins Innere einer Burg oder Stadt schleudern; sie sollte mit Aas und Kot, mit faulendem Käsewasser und vergorenem Urin die Brunnen unbrauchbar machen und das gesamte innere Leben (innerhalb der Mauern) der Belagerten schädigen und unterbinden.“ Erreichte Wurfweiten sind nachgewiesen bis zu 500 m für Köln am Rhein im Jahre [[1246]],<ref>Rathgen, a. a. O., S. 612</ref> Bliden kennen wir nur aus Zeichnungen, erhalten ist uns keine. Zur Blide gehörte oft die „Katze“, das war ein Gestell, das diesem Geschütz Deckung bot. | |||
Im 14. Jahrhundert kamen dann „echte“ Geschütze auf. Man nutzte jetzt nicht mehr die Hebelkraft, sondern den treibenden Druck der beim Abbrennen eines Gemenges von Salpeter, Schwefel und Kohle entstehenden Gase, also des Pulvers. Und mit dem Aufkommen des Schießpulvers brach ein neues technisches Zeitalter an. Es gab natürlich nur wenige Geschütze dieser Art, die in der Regel sogar Namen erhielten. Für Braunschweig ist ab [[1411]] die sogenannte „Mette“ nachgewiesen. Sie war ein Riesengeschütz, das [[1787]] eingeschmolzen wurde. | |||
[[Helmstedt]] hatte sicherlich keine Waffe dieser Art. Aber nach der bereits erwähnten Musterungsrolle hatten 68 Bürger Feuerbüchsen erhalten. Die nächste Musterungsrolle stammt aus dem Jahre [[1548]]. Danach hatten 69 Bürger Hakenbüchsen, die übrigen Feder- und Knobelspieße sowie „Helbarten“. Diese Waffen waren entweder zu Hause aufzubewahren oder aber in einer Waffenkammer, die allgemein Zeughaus hieß, abzugeben. Ob [[Helmstedt]] eine Einrichtung dieser Art gehabt hat, ist allerdings nicht feststellbar. | |||
In jedem Fall war unsere [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]] nach ihrer Erneuerung im 15. Jahrhundert um einiges höher. Aber bereits [[Friedrich August Ludewig|Ludewig]] hat sie nicht mehr in der ursprünglichen Form gesehen. „Seit einigen Jahren hat man aber angefangen, die hohe [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]] abzunehmen und größtenteils um einige Fuß niedriger zu machen“.<ref>[[Friedrich August Ludewig]] „Geschichte und Beschreibung der Stadt Helmstedt“, Helmstedt, 1821, S. 174</ref> | |||
Wohl noch nicht im 13. Jahrhundert, aber in jedem Fall bei der Erneuerung im 15. Jahrhundert wurde vor der eigentlichen [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]] eine zweite, niedrigere angelegt. Der neuen Waffen wegen wollte man den Feind auf Distanz von der [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]] halten. Die Verteidigung wurde deshalb dem Gegner entgegengeschoben.<ref>Meckseper, „Kleine Kunstgeschichte der deutschen Stadt im Mittelalter“, Darmstadt 1982, S. 101</ref> Der Zwischenraum zwischen den beiden Mauern bestand aus Gräben. Er wurde immer gesäubert und gepflegt, um dem Angreifer jegliche Deckungsmöglichkeit zu nehmen. Von dem Ausmaß dieses Vorraumes kann man sich heute noch ein Bild machen, denn man weiß, dass die Ostseite (in alten Schriften würden wir lesen die Morgenseite) des [[Gröpern]] nicht bebaut war und dass dort, wo heute Häuser stehen, diese Vormauer verlief. Sie ist auch deutlich in dem [[1745]] aufgestellten „Plan von der nahesten Gegend der Stadt [[Helmstedt]]“ von J. C. Ricken, Original im Städtischen Archiv Braunschweig, Kopie von Paul-Jonas Meier [[1895]] in [[Helmstedt]], eingezeichnet. | |||
Unterbrochen wurde diese Vormauer durch die jeweils vier Zugänge zu der Stadt, die wiederum von einer kleinen Mauer längs der Straße (Doppeltor) eingesäumt waren. Besonders ausgeprägt war dies am [[Südertor (Turm)|Südertor]]. – Dem Plan von Ricken nach gab es diese Vormauer nicht im Bereich des [[Georgienhof|Georgien]]- oder [[Jürgenhof]]es an der Abendseite der Stadt (Westen). Dieses Hospital schloss sich insbesondere mit der [[St. Georgskapelle|Georgskapelle]] eng an die Stadt an, was allerdings nicht hinderte, die eigentliche [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]] auch dort zu errichten. Diese Vormauer gab es auch nicht im Bereich des heutigen [[Langer Wall|Langen Walles]]. Dort erlaubte [[1441]] Abt Johann Stecke dem Rat, die Stadt vom [[Ostertor|Oster]]- bis zum [[Nordertor (Turm)|Nordertor]] mit Wall und Graben zu befestigen. Schon etwas länger diente dort der kleine Wasserlauf zu dem [[Nordertor (Turm)|Nordertor]]- oder [[Sternberger Teich]] als natürliches Hindernis. Dieser Teich war [[1423]] nach ausdrücklicher Erlaubnis des Herzogs Bernhard von Braunschweig durch den Rat der Stadt künstlich angelegt worden. Der Zufluss zu ihm erfolgte von dem 200 Jahre älteren [[Hafermühlenteich]] und vom [[St.-Ludgeri-Teich|Klosterteich St. Ludgeri]], dem wiederum der „[[Faule Bach]]“ vom [[Lappwald]] her Wasser zuführte. | |||
Vier Tore und damit vier Zugänge hatte die Stadt zumindest seit der [[Stadtmauer (Helmstedt)|Befestigung]] im 13. Jahrhundert. Diese Tore waren wahrscheinlich schon damals mit Ausnahme des [[Nordertor (Turm)|Nordertores]] mit stattlichen Türmen versehen. Der [[Hausmannsturm]], auch [[Neumärker Tor|Neumärker]]-, [[Westerntor|Western]]- oder [[Braunschweiger Tor]] genannt, wurde [[1286]] urkundlich erstmals erwähnt. Der heutige Turm stammt aus der Erneuerung in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. | |||
Das [[Südertor (Turm)|Süder]]- oder [[Seedorfer Tor]] wurde [[1305]] erstmals erwähnt und befand sich in etwa dort, wo heute der Parkplatz am [[Südertor]] ist. Es war benannt nach den beiden Dörfern Seedorf, die um [[1200]] wüst geworden waren, weil ihre Bewohner nach [[Helmstedt]] gezogen waren. | |||
Das [[Ludgeritor]] – später auch [[Magdeburger Tor]] genannt – wird [[1305]] so bezeichnet, als [[Ostertor|Klostertor]] aber schon [[1236]]/[[1237]] erwähnt. Es diente nach Paul-Jonas Meier anfangs in erster Linie der Verbindung des [[Kloster St. Ludgeri|Klosters]] zur Stadt. Später hatte es dann die Bedeutung, dass der ganze Verkehr vom oder nach dem Osten durch dieses Tor verlief. Das [[Ludgeritor]] und der [[Hausmannsturm]] lagen an der alten [[Reichsstraße 1]], die Aachen mit Königsberg und umgekehrt verband. Mit der Umwandlung der [[Neumärker Straße]] in einen Fußgängerbereich wurde die [[Wilhelmstraße]] Bundesstraße und damit Teil der Nr. 1. | |||
Das [[Nordertor (Turm)|Nordertor]] wurde [[1354]] erstmals erwähnt.<ref>Paul-Jonas Meier „Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Helmstedt“, Wolfenbüttel 1896, S. 95, 96</ref> | |||
Während drei Türme auf dem Kupferstich von Merian deutlich zu sehen sind, wenn auch das [[Südertor (Turm)|Südertor]] mit einem Mauerturm verwechselt wurde, so ist ein „[[Nordertor (Turm)|Nordertorturm]]“ nicht zu erkennen, weil es ihn sehr wahrscheinlich auch nicht gegeben hat. Paul-Jonas Meier<ref>Paul-Jonas Meier, a. a. O., S. 96</ref> stellt fest: „Es ist fraglich, ob ein Thurm mit schlichtem Dach bei Merian das Thor darstellen soll – bei den Stichen des XVIII. Jahrhunderts fehlt ein solcher und [[Friedrich August Ludewig|Ludewig]] gibt a.a.O., S. 163, an, dass er schon lange nicht mehr vorhanden gewesen sei.“ | |||
Das bedeutet aber nicht, dass es ihn einmal gegeben hat, denn in den Archivakten, insbesondere in den Kämmereirechnungen und in den Vorgängen über den Zustand der Baulichkeiten der Stadt aus dem 18. Jahrhundert, konnte ich keinen Hinweis darauf finden, dass das [[Nordertor (Turm)|Nordertor]] wie die drei anderen Tore einmal einen Turm gehabt hat. Ich fand zwar für einige Jahre die Angabe „[[Nordertor (Turm)|Nordertorturm]]“, dann aber fehlt – im Gegensatz zu den drei anderen Toren – die Bezeichnung Turm, und es findet sich immer nur die schlichte Angabe „[[Nordertor (Turm)|Nordertor]]“. Hätte man ihn zu dieser Zeit abgerissen, so müssten darüber in den Rechnungen Kosten und wegen des Verkaufes der Steine durch die Stadt Einnahmen vermerkt sein. | |||
Dafür, dass das [[Nordertor (Turm)|Nordertor]] nie einen Aufsatz gehabt hat, spricht auch, dass Merian, der seinen Stich nach einer Vorlage gefertigt hat, die der Betrachter von der Höhe der [[Walbecker Straße]] aus aufgenommen hat, sicherlich einen dann sehr deutlich sichtbaren Turm eingezeichnet und entsprechend vermerkt hätte. Allerdings wissen wir noch genau, wo das Tor einmal gewesen ist: Gegenüber dem Grundstück [[Langer Steinweg]] 19, früher der [[Schützenhof]], heute ein [[Möbelhauses Fehlig|Möbelhaus]], ist der Endpunkt der alten [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]] klar erkennbar. | |||
Mit dieser Stadtbefestigung allein konnten sich die [[Helmstedt]]er aber noch nicht zufriedengeben. [[Helmstedt]] lag und liegt am [[Lappwald]]. Er zog sich damals näher an die Stadt heran als heute. Gestrüpp, Sträucher und allerlei Vegetation boten einem heranrückenden Feind eine gute Deckung. Von dort war er schon einmal in der Silvesternacht [[1199]]/[[1200]] gekommen. Im Schutze des Waldes hatte er sich bis dicht an die Stadt unbemerkt heranschleichen können. | |||
Um dies in Zukunft zu verhindern, wurde im [[Lappwald]] schon im 13. Jahrhundert die sogenannte [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] angelegt. Sie ist teilweise noch gut sichtbar und entsprechend erhalten. Sie befand sich ausnahmslos auf Grundstücken des [[Kloster St. Ludgeri|Klosters St. Ludgeri]]. Deshalb bedurfte die Stadt der Genehmigung der geistlichen Herren, um dort ein solches Verteidigungswerk errichten zu können. Sie wurde ihr sicherlich gern gegeben, denn die [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] diente zugleich dem Schutz des [[Kloster St. Ludgeri|Klosters]]. [[1252]] wird sie erstmals in einer Urkunde des Abtes Gerhard erwähnt. Danach verpflichtete sich das [[Kloster St. Ludgeri|Kloster]], dieses Gelände weder zu veräußern noch irgendwie zu verpfänden. | |||
Mich fasziniert immer wieder die [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] im [[Lappwald]]. Sie ist teilweise noch gut erhalten, an vielen Stellen allerdings hat fehlende Pietät vor den Leistungen unserer Vorfahren dieses geschichtliche Zeugnis leider zerstört oder nur schwer erkennbar gemacht. [[1935]] war es der [[Bundesautobahn 2|Autobahnbau]], der erheblich in den Bereich der [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] eingriff, dann nach dem letzten Krieg einige Bauobjekte in der Nähe des [[Am Bötschenberg|Bötschenberges]]. Aber noch immer kann man in unserem Heimatwald nicht nur durch die Warten, sondern auch durch die [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] dem Mittelalter begegnen. In diesen Tagen musste, anders war es leider nicht möglich, durch den Ausbau der [[Bundesautobahn 2|Autobahn]] wieder ein Stück [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] zerstört werden. Das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz, das auch die Straßenbauer verpflichtet, und das jetzt bestehende Verständnis für die Bedeutung geschichtsträchtiger Stätten, haben eine Bestandsaufnahme in Schrift, Bild und Skizze erreicht. Wir verdanken dies dem Bezirksarchäologen Dr. Geschwinde und dem Archäologen Thomas Budde MA. Thomas Budde hat im Sommer [[1996]] in monatelanger Arbeit die gesamte [[Helmstedter Landwehr]] erfasst und danach einen umfangreichen Bericht mit eingehenden Auswertungen verfasst. Er liegt mir vor. Da er aber noch nicht – wie beabsichtigt – veröffentlicht und deshalb noch nicht allgemein zugänglich ist, habe ich ihn in den Text selbst einbezogen und an den entsprechenden Stellen darauf hingewiesen. | |||
Die [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] war eine natürliche Anlage, die aus einem tiefen Graben und einer stadtwärts gepflanzten dichten Dornenhecke bestand. Außerdem wurde zusätzlich Gestrüpp aufgeschichtet, Zweige und Äste wurden geknickt, um eine gute Dichte zu erreichen. Daraus prägte sich für die Instandhaltung das Wort „knicken“. In einigen Gegenden heißt eine solche Anlage „Knicke“ oder „Geknick“, „Gebüsch“ (Budde a.a.O. S. 2). Zweimal jährlich hatten die Bürger zu „knicken“. Der Aushub des Grabens diente der Erhöhung der Grabenhöhe zur Stadtseite hin. So auch bei der Anlage im [[Lappwald]], die im wesentlichen ein Eingrabensystem mit heckenbekröntem Innenwall war (Budde a.a.O. S. 4). Paul-Jonas Meier hat festgestellt, dass er an der nördlichen Strecke dort, wo die zu beiden Seiten aufgeworfenen Ränder des Grabens nicht eingeebnet sind, – [[1896]] – zwei bis drei Meter tief ist bei einer schmalen Sohle und bei einem Abstand der beiden Oberkanten von 8 m.<ref>Paul-Jonas Meier, a. a. O., S. 99</ref> | |||
Nach Paul-Jonas Meier verlief die [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] von der ersten [[Helmstedter Landwehr|Walbecker Warte]] in Richtung Stadt parallel zu der heutigen [[Walbecker Straße]]. Etwa in der Nähe des [[Waldbad Birkerteich|Waldbades Birkerteich]] änderte sie die Richtung. Sie wurde jetzt im rechten Winkel weiter in Richtung [[Helmstedter Landwehr|Magdeburger Warte]] geführt und endete zunächst dort. | |||
Der Grund dieser Richtungsänderung war strategischer Art. Man wollte den Feind an der [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] entlang bis dicht an die Stadt heranführen, um zunächst Kenntnis vom Herannahen und von seiner Stärke zu erhalten, ihn dann aber nicht weiter in Richtung Stadt, sondern von der Stadt abwärts nach Osten bzw. Südosten marschieren lassen. Bei der Schwerfälligkeit der damaligen Truppen und dem Dickicht des Waldes dauerte dies einige Zeit. Die [[Helmstedt]]er konnten sich so besser auf den Feind einstellen. Diese List konnte aber nur dann gelingen, wenn der Gegner keinerlei Ortskenntnisse besaß, denn sonst würde er von der anderen Seite heranrücken oder aber die [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] umgehen. Er hätte dann aber nicht den Schutz des Waldes gehabt. Dennoch hat die Tatsache, dass die [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] nicht als Halbkreis, sondern rechtwinklig um einen Teil der Stadt angelegt worden war, Rätsel aufgegeben. Paul-Jonas Meier hat es so gedeutet, dass offenbar im hohen Mittelalter (also 13. Jahrhundert) die Straße nach Magdeburg, die ohne Zweifel wichtig war und auf der die Heere des Erzbischofs Ludolf einmal gekommen waren, nicht wie heute in Richtung [[Helmstedter Landwehr|Magdeburger Warte]] und an jener vorbei verlief, sondern dass sie durch das [[Nordertor (Turm)|Nordertor]] und am [[Hafermühlenteich]] entlang und weiter in nordöstliche Richtung geführt wurde. Dabei stieg sie ganz allmählich in einer flachen Talmulde empor, „die breit genug ist, um nicht allein den Bach, der dort verläuft, sondern auch die Heerstraße aufzunehmen.“ Sie wird dann nördlich des [[Am Bötschenberg|Bötschenberg]]s durch das Tal beim jetzigen [[Gesundbrunnen]] und über Beendorf in südlicher Richtung verlaufen sein, um dann in die Straße Morsleben – Alleringersleben – Erxleben einzumünden.<ref>Paul-Jonas Meier, „Die Befestigung der Stadt Helmstedt im Mittelalter“ – „Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Altertumskunde 28, Heft 2, 1895, S. 635</ref> Dies könnte die Anlage einer Schanze am [[Am Bötschenberg|Bötschenberg]] erklären, die eine Öffnung der [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] besonders schützen sollte. Noch in der Städteansicht des Professors Friedrich Weise aus dem 18. Jahrhundert wird in der Legende auf die „Breye-Schanze“ hingewiesen. Der [[Bundesautobahn 2|Autobahnbau]] [[1935]] hat sie vernichtet. Heute erinnern nur noch zwei Flurnamen daran: „Hinter der Schanze am Bötschenberg“ und „An der Schanze“, gelegen vor dem heutigen [[Am Bötschenberg|Bötschenberg]], wobei dieser Name abgeleitet sein soll vom mittelhochdeutschen Wort „Bitze" = niederes Strauchwerk (Marta Asche in „Helmstedter Kreisblatt“ 20. u. 27. Juli 1957). | |||
Otto Mathias Wilberts<ref>Otto-Matthias Wilbertz, „Archäologische Kulturdenkmale im Landkreis Helmstedt“ – Beiträge zur Geschichte des Landkreises und der ehemaligen Universität Helmstedt Nr. 6, S. 13</ref> berichtet auf Seite 13 seines Heftes von einer unbekannten Wegespur, auf die er bei der Begehung der [[Helmstedter Landwehr]] gestoßen ist. Der dem Heft beiliegenden Karte nach verläuft sie links neben der alten [[Walbecker Straße]] in Richtung [[Helmstedter Landwehr|Erste Walbecker Warte]]. Vielleicht ist dies ein Teil der von Meier vermuteten alten Heerstraße. | |||
Im Bereich dieser Straße und damit in dem Winkel an der [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] konnte die Stadt sehr schnell eine Wegsperre errichten, um den missliebigen Besucher entweder zur Umkehr zu zwingen oder aber zu erreichen, dass er langsam, weil er schwerfällig war, erst einmal bis zur [[Helmstedter Landwehr|Magdeburger Warte]] weiterzog. | |||
Vielleicht möchte mancher Leser die historische Spur der [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] im [[Lappwald]] einmal verfolgen. Deshalb etwas Näheres zu ihrem Verlauf. Nicht überall ist sie allerdings noch gut zu erkennen, obwohl die Natur ein guter Bewahrer historischer Stätten ist. Erst der Mensch hat manches, z. B. durch die Feldbewirtschaftung, zerstört und selbst für ein geübtes Auge oft unsichtbar gemacht. Auch dort, wo die [[Helmstedter Landwehr]] nur noch erahnt werden kann, haben unnatürliche Einwirkungen sie vernichtet: Wie schon erwähnt bei dem Bau der [[Bundesautobahn 2|Autobahn]] [[1934]]/[[1935]], später durch die Einrichtung der [[Grenzübergang Helmstedt–Marienborn|Grenzkontrollstelle]] und dann schließlich durch die verschiedenen Autobahnzubringer von der [[Bundesstraße 1]]. In Höhe des [[Am Bötschenberg|Bötschenberg]]es beeinträchtigte der Bau der [[Gymnasium am Bötschenberg|Heimschule]] und die Errichtung des Gebäudes der [[Politische Bildungsstätte Helmstedt|Politischen Bildungsstätte]] den Erhalt. Der Weg vom [[Am Bötschenberg|Bötschenberg]] zum [[Waldbad Birkerteich]] könnte auf der früheren Außenwand der [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] liegen. Der Graben neben diesem Weg zur Stadt hin könnte der Landwehrgraben gewesen sein. Das [[Waldbad Birkerteich|Waldbad]] zerstörte die Erkennbarkeit des weiteren Verlaufs an dieser Stelle. Teilstücke der [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] wurden als Straßengraben genutzt, und zwar vom Ende des [[Am Bötschenberg|Bötschenberg]]-Forstweges bis zu dem heutigen Lokal [[Waldwinkel]]. Von da an ist die [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] aber wieder gut erkennbar. In Höhe der [[Helmstedter Landwehr|Ersten Walbecker Warte]] ist ihr in einem Abstand von ca. 25 m ein Nebengraben mit einer Tiefe von 1,60 bis 1,80 m vorgelagert. Unmittelbar hinter der [[Helmstedter Landwehr|Warte]] ist die [[Helmstedter Landwehr|Wehr]] teilweise, der Nebengraben vollständig durch einen späteren Steinbruch zerstört. Dieser bedingte zudem den an dieser Stelle bogenförmigen Umweg der Walbecker Chaussee. Der weitere Verlauf der [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] ist neben dieser Straße nach Walbeck gut zu erkennen, teilweise auch der des Nebengrabens. Sie erreicht dann schließlich das morastige Gelände des [[Düsterbeek]]s und endlich die [[Helmstedter Landwehr|Zweite Walbecker Warte]]. Sie setzt dann ihre übliche Ausdehnung noch etwa 40 m nördlich fort, um allmählich flacher zu werden und schließlich etwa 350 m von der [[Helmstedter Landwehr|zweiten Warte]] an gerechnet ganz zu enden. Hier hat sie auch die alte Landesgrenze zwischen Braunschweig und Preußen erreicht. Auch heute noch gut auszumachende Grenzsteine mit der Aufschrift „P“ = Preußen und „B“ = Braunschweig mit der Jahreszahl [[1848]] und einer laufenden Nummer markieren eine Linie, die in jüngster Zeit eine so tragische Bedeutung bekommen hat. Warum die [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] nicht in Richtung [[Mariental]] weitergeführt wurde, ist unbekannt. Sicherlich war die Gefahr, dass von dort ein Gegner „anreist“, gering. Durch die Lage des [[Kloster Mariental|Klosters]] und die von dort aus erfolgte Bewirtschaftung der nahegelegenen Waldstücke wurden ungebetene Gäste frühzeitig bemerkt. | |||
Zur anderen Seite, also von der [[Politische Bildungsstätte Helmstedt|Politischen Bildungsstätte]] an in Richtung [[Helmstedter Landwehr|Magdeburger Warte]], zieht sich die [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] noch als Graben erkennbar zwischen dem [[Altes Wasserwerk|Alten Wasserwerk]] und der ca. [[1987]] abgerissenen Gaststätte [[Waldesruh]] (Krökel), um dann vom Forstort Dorn – genannt nach der dornigen Hecke der Befestigung – unmittelbar an der [[Bundesautobahn 2|Autobahn]] zu verlaufen. Durch deren Bau ist sie zum größten Teil an jener Stelle zerstört worden. Auch in der Nähe der heutigen [[Bundesstraße 1]] und damit bei der [[Helmstedter Landwehr|Magdeburger Warte]] sind Landwehrreste nicht mehr erhalten. Von dieser [[Helmstedter Landwehr|Warte]] aus zieht sie sich weiter, wenn auch nicht gut erkennbar, in Richtung Harbke. Diese Ausdehnung ist jüngeren Datums. Es gibt im [[Stadtarchiv Helmstedt|Stadtarchiv]] eine Urkunde aus dem Jahr [[1377]], wonach die Brüder Borchard, Richard und Johann von Hameln dem Rat der Stadt erlauben, eine [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] durch ihr Waldstück „Boclo“ ziehen zu lassen. Dieser Forst liegt in jener Gegend. Auch noch über die [[Bahnstrecke Braunschweig–Magdeburg|Bahnlinie Helmstedt–Magdeburg]] bis hin zur früheren Harbker Kohlenbahn ist die [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] nachzuweisen. | |||
Ihre Verlängerung [[1377]] über die [[Helmstedter Landwehr|Magdeburger Warte]] hinaus erfolgte einmal zur noch besseren Sicherung der Stadt, zum anderen aber auch, weil der Straßenverkehr begonnen hatte, [[Helmstedt]] nicht mehr auf dem alten Wege zu verlassen, er verlief jetzt dort, wo er sich heute noch abwickelt, nämlich auf der Strecke der jetzigen [[Bundesstraße 1|Bundes- bzw. Fernstraße 1[[. Der Gegner, der jetzt auf dem neuen Weg vorrückte, sollte möglichst weit über schlecht zugängliches Gelände geführt werden. [[1377]] wurde zugleich die gesamte [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] erneuert und über die zweite [[Helmstedter Landwehr|Warte]] hinaus ebenfalls – wie bereits beschrieben – ausgedehnt. | |||
Die letzte urkundliche Erwähnung der [[Helmstedter Landwehr]] erfolgte [[1496]] (Budde S. 40). Man kann annehmen, dass ihr strategischer Zweck nun erfüllt war und dass sie damit an Bedeutung für die Verteidigung erheblich verloren hatte. Raubritter gab es nicht mehr, und die Kriegsheere waren größer geworden; man rückte auf Straßen und Wegen vor. | |||
Insgesamt war die [[Helmstedter Landwehr]] 7,87 km lang, Teilstücke sind in einer Gesamtlänge von 3,83 km vollkommen und in einem Bereich von insgesamt 1,165 km partiell erhalten. 2,3 km der [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] sind zerstört, davon 0,58 km in ihrem Verlauf noch zu erahnen. | |||
Zur Verteidigung reichte die [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]] allein nicht aus. Erforderlich war, dass man den Feind rechtzeitig bemerkte. Dazu dienten die Warten. | |||
Die [[Helmstedter Landwehr|Magdeburger Warte]] (auch Wohltwarte (Waldwarte)) gab es wie die [[Helmstedter Landwehr|Erste Walbecker Warte]] schon sehr früh. Beide stammen spätestens aus dem Jahr [[1252]]. Sie bildeten die Endpunkte der [[Helmstedter Landwehr|Landwehr]]. Wenn nicht gleich, aber in jedem Fall später wurden sie Signalstationen. Sie waren in kriegerischen oder unruhigen Zeiten von Bürgern besetzt, die in Richtung Stadt signalisierten, wenn Unbefugte sich näherten. Das war von der [[Helmstedter Landwehr|Magdeburger Warte]] ohne weiteres möglich. Am [[Kleiner Wall|Kleinen Wall]] befand sich im übrigen auf dem heutigen Grundstück Nr. 24 der Turm, dessen Besatzung diese Zeichen entgegennahm. Er wurde bei dem Luftangriff am 20. Februar [[1944]] zerstört. Aber auch von der [[Helmstedter Landwehr|Ersten Walbecker Warte]] aus waren nach Paul-Jonas Meier die Geländeverhältnisse so, dass man von ihr bis zum [[Kloster St. Marienberg|Kloster Marienberg]] sehen konnte, vorausgesetzt, es war eine entsprechende Schneise in den Wald geschlagen. Außerdem hat zur damaligen Zeit vor dem [[Nordertor (Turm)|Nordertor]] in der Nähe des [[Hafermühlenteich]]s ein Turm gestanden, der dazu gedient hat, Signale aufzufangen. Nach [[Robert Schaper]] soll sich die Bezeichnung „[[Warneckenberg (Stadtviertel)|Warneckenberg]]“ von diesem Wachtturm ableiten. Paul-Jonas Meier erwähnt ihn als „Neuen“ oder „Hohen Turm“, [[1385]] und noch [[1515]] bezeugt.<ref>Paul-Jonas Meier, „Befestigungen…“, S. 637</ref> | |||
Da [[1252]] nur eine [[Helmstedter Landwehr|Walbecker Warte]] erwähnt wird, beide aber in ihrer Anlage übereinstimmen, geht Paul-Jonas Meier davon aus, dass die heute zu sehenden beiden [[Helmstedter Landwehr|Warten]] in ihrer Substanz [[1377]] errichtet wurden.<ref>Paul-Jonas Meier, „Befestigungen…“, S. 99</ref> Das bedeutet aber, dass die [[Helmstedter Landwehr|Erste Walbecker Warte]], die nachweisbar älter ist, zu dieser Zeit entsprechend umgeändert oder völlig neu erbaut wurde. – Anders dagegen die [[Helmstedter Landwehr|Magdeburger Warte]]. Sie blieb damals bestehen und ist somit in ihrer unteren Substanz älter als die beiden anderen. [[Friedrich August Ludewig|Ludewig]] vermerkt [[1821]] „…fängt an zu verfallen.“ Dennoch ist sie von allen drei [[Helmstedter Landwehr|Warten]] diejenige, die am besten erhalten ist. Das liegt daran, dass sie [[1855]] – bis auf den unteren Teil – neu gemauert wurde. Deutlich ist an der Ost- und Südwand je eine flache Nische aus früherer Zeit zu sehen. Nach Paul-Jonas Meier könnten diese Nischen zur Aufnahme einer Heiligendarstellung gedient haben.<ref>Paul-Jonas Meier, „Befestigungen…“, S. 99</ref> | |||
Im Jahr [[1980]] wurde in die [[Helmstedter Landwehr|Magdeburger Warte]] eine Treppe eingebaut, die den [[Helmstedt]]ern und ihren Besuchern die Möglichkeit gibt, die Stadt so zu sehen, wie jahrhundertelang die mit dem Wachdienst beauftragten Bürger sie sehen konnten. | |||
Den weiteren Zweck, an dieser Stelle etwas tiefer in den [[Lappwald]] auf das ehemalige DDR-Gebiet sehen zu können, brauchen Treppe und Turm heute gottlob nicht mehr zu erfüllen. Der [[Lappwald]] ist für uns jetzt wieder in vollem Umfange erreichbar. | |||
Die Verpflichtung zu einem Dienst auf den Türmen oder zur Nachtzeit auf der Mauer lag auf den einzelnen bewohnten Grundstücken der Stadt. Als das [[Kloster Mariental]] [[1315]] den [[Grauer Hof|Grauen Hof]] in [[Helmstedt]] kaufte (Platz des [[Juleum]]s), wurde ausdrücklich in der Urkunde vermerkt, dass diese Verpflichtung auf diesem Grundstück nicht weiter ruhen sollte. Die Bürger konnten allerdings Stellvertreter schicken, die für sie diesen Dienst verrichteten. Daraus ergab sich dann später die allgemeine Einführung eines sogenannten Wartepfennigs, also eine neue Steuer. Aus deren Aufkommen wurden jetzt besoldete Stadtknechte eingestellt, die diesen Dienst verrichteten.<ref>Paul-Jonas Meier, „Befestigungen…“, S. 623</ref> | |||
Auch die selbständige [[Neumark (Stadtviertel)|Neumark]] wurde von einer Mauer umschlossen. Wir finden sie auf dem Plan von Ricken eingetragen. Sie beginnt, indem sie sich an die Vormauer der [[Helmstedt]]er [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtbefestigung]] anschließt, dort, wo [[Wilhelmstraße]] und [[Juliusstraße]] einander treffen. Sie ist in diesem Bereich, wenn auch stark verändert, noch zu sehen. Sie wird unterbrochen durch das [[Harslebertor]], das sich auf dem Gelände unweit der [[AOK]] am heutigen [[Kleiner Stern|Kleinen Stern]] befand. Sie setzt sich dann in einem Wall fort, der durch den Namen [[Wallgasse]] überliefert ist. Zum [[Kloster St. Marienberg|Kloster Marienberg]] hin befand sich auf der [[Braunschweiger Straße]] mit dem [[Kirchtor]] der zweite Zugang. Zum Nordosten hin ergab sich durch den [[Fauler Bach|Faulen Bach]] eine natürliche Abgrenzung. Am [[Gröpern]] stand schließlich das dritte Tor der [[Neumark (Stadtviertel)|Neumark]]. Sämtliche Tore waren ohne Türme. Auf dem Kupferstich von Merian ist deshalb von diesen Zugängen nichts zu erkennen. | |||
Die drei Tore in der [[Neumark (Stadtviertel)|Neumark]] sind aktenmäßig nachgewiesen. So haben im Jahre [[1770]] das [[Harslebertor|Harsleber]]- und das [[Gröperntor]] zwei neue Torflügel bekommen, [[1787]] ebenfalls das [[Kirchtor|Kirchentor]], „in dem das Thor nicht offen bleiben sollte“. | |||
Wie bei bedeutenden Klöstern üblich, so war auch der Bezirk [[Kloster St. Ludgeri|St. Ludgeri]] durch eine Mauer abgegrenzt. Wir kennen sie heute noch von der [[Beendorfer Straße]] her; die älteren [[Helmstedt]]er begleitete sie eine Weile auf ihren sonntäglichen Spaziergängen ins [[Brunnental]] vom [[Ostendorf]] aus. Dieser Weg ist heute gesperrt. An diesem Teil der Mauer befand sich auch bis vor kurzem zum Zeichen der Reichsunmittelbarkeit des [[Kloster St. Ludgeri|Klosters]] der österreichische Doppeladler, und zwar an einem Pfeiler des sogenannten „[[Rotes Tor|Roten Tores]]“, dem Ausgang des [[Kloster St. Ludgeri|Klosters]] nach Nordosten hin (Richtung „[[Roter Torweg]]“). Der Stein mit dem Adler ist erhalten. | |||
Von den Mauertürmen bestehen noch drei: ein viereckiger im heutigen [[Wallhof]] auf dem früheren Gelände der [[Maschinenfabrik Krull]], der bekannte [[Eulenturm]] am [[Batteriewall]] und in der Nähe der [[Lutherschule]] der sogenannte [[Pulverturm]]. Hier haben früher die Schützen das Pulver für ihre Schießübungen eingelagert. Insgesamt sollen es einmal fünf Türme gewesen sein. Diese Anzahl hat Meier von [[Friedrich August Ludewig|Ludewig]] übernommen. Sie befanden sich hauptsächlich zwischen dem [[Nordertor (Turm)|Norder]]- und [[Westertor]] ([[Hausmannsturm]]) und zwischen diesem und dem [[Südertor (Turm)|Südertor]]. An der gesamten Front des [[Langer Wall|Langen Walles]] gab es lediglich den erhalten gebliebenen am [[Wallhof]]. Die Türme waren teils viereckig, teils halbrund. Teilweise waren die halbrunden Türme zur Stadt hin völlig offen. Der Rest eines solchen runden Turms steht noch im Garten des Grundstücks [[Kleiner Wall]] 25, er ist zu erreichen vom Parkplatz [[Südertor]] aus. Diese runden Türme dienten insbesondere dazu, den Gegner, der sich unmittelbar vor der [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]] befand, von der Seite her anzugreifen. In den Kreuzzügen hatte man eine Methode entwickelt, Mauern zum Einsturz zu bringen: man unterminierte sie. Von der Mauerkrone aus konnte man dies schlecht verhindern, weil man sich hat vorbeugen müssen. Deshalb wiesen viele Befestigungsanlagen die über die Mauerflucht hinausragenden Rundtürme wie auch die nach vorn angelegten Wehrgänge auf. | |||
Die erste Bewährungsprobe bestand unsere [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]] [[1279]]. Der Markgraf Albrecht von Brandenburg erschien vor den Toren der Stadt, um sie einzunehmen. Seine Truppen warfen große Steine in die Stadt und liefen schließlich Sturm. Sie konnten aber nichts ausrichten, die [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]] hielt stand. | |||
Dienten die Befestigungen im Mittelalter allgemein noch dem Schutz der Städte vor kriegerischen Angriffen, so galt dies mit Beginn der Neuzeit, sie wird von [[1517]] an gerechnet, dem Jahr des Thesenanschlags Martin Luthers, wegen der neuen Waffen bei regulären Truppen nicht mehr. So boten sie während des Schmalkaldischen Krieges und in den Nachwirren ([[1546]] bis [[1555]]) unserer Stadt keinen Schutz, von der Zeit des späteren 30-jährigen Krieges ([[1618]] bis [[1648]]) völlig abgesehen. | |||
Deshalb begann man auf Weisung des Herzogs Carl ca. [[1745]] damit, aus den Wallanlagen vor der Stadt Promenaden zu machen. Die vordere Mauer wurde gänzlich, die Hauptmauer teilweise in ihrem oberen Bereich abgetragen. Durch die Neugestaltung der alten Wehranlage mit der Schaffung der Wälle konnten im Vorfeld der [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]], damals sehr begehrt, Gärten angelegt werden. Sie erbrachten durch den Verkauf oder durch den jährlichen Erbzins der Stadt zusätzliche Einnahmen. | |||
Allerdings war man bemüht, die [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]] in ihrer Substanz zu erhalten. Sie wurde sogar repariert, hatte sie doch noch die Funktion, die Stadt nachts von der Außenwelt abzuschirmen und tagsüber Personen ein Betreten oder Verlassen nur durch die Tore zu erlauben. Die Zugänge blieben bis weit in das letzte Jahrhundert hinein nachts geschlossen. Auch nachdem man am [[Südertor (Turm)|Süder]]- und [[Ludgeritor]] die Türme abgebrochen hatte, blieben die Tore selbst bestehen. Erst [[1846]] veräußerte die Stadt die Torflügel. Die des [[Hausmannsturm]]s hatte man wegen der Erweiterung der Durchfahrt im Herbst [[1845]] bereits im städtischen Magazin eingelagert. Die Flügel des [[Nordertor (Turm)|Nordertor]]es wie auch die des [[Südertor (Turm)|Südertor]]es wurden zusammen mit denen des [[Kirchtor]]es (am Piest’schen Gasthofe „[[Zum Goldenen Löwen]]“, [[Braunschweiger Straße]] 25) und des [[Harslebertor|Harsleber Tores]] (beide in der [[Neumark (Stadtviertel)|Neumark]]) [[1846]] versteigert. Die Tormauern wurden auf Abbruch ebenfalls an den jeweils Meistbietenden verkauft. Dieser hatte sie innerhalb der folgenden 14 Tage abzubrechen und die Reste abzufahren. | |||
Mit der Versteigerung der Tore war auch die Aufhebung der Torsperre verbunden, die [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]] diente kaum noch der nächtlichen Sicherheit und damit auch nicht mehr dem Nutzen der Bürger. Sie hatte ihren öffentlichen Zweck über Jahrhunderte erfüllt. Man überlegte deshalb, ob man die „an vielen Stellen bekanntlich sehr schadhafte [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]]“ den Anliegern zum Kauf anbieten sollte. Das geschah stellenweise. Dabei wurden die Eigentümer bevorzugt, deren Grundstücke auf der Stadtinnenseite lagen. Sie hatten mit dem Kauf die Erhaltungspflicht zu übernehmen. Dies wurde teilweise sogar im Grundbuch eingetragen. Auch die Mauertürme wurden veräußert, so z. B. der im früheren [[Leihhausgarten]] ([[Streplingerode]] 29) an den Tischlermeister Theodor Oppermann. Es war der einzige Mauerturm am [[Langer Wall|Langen Wall]]. Er befindet sich heute noch auf dem Gelände der früheren [[Maschinenfabrik Krull]] ([[Wallhof]]). | |||
Im Jahre [[1935]] begann man, sich Sorgen um den Erhalt der [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]] zu machen. Man ermittelte, welche Teile davon überhaupt verkauft waren und somit den Anliegern gehörten, welche noch städtisch waren und welche zwar verkauft, aber nicht aufgelassen waren, das heißt, in diesen Fällen gab es keinen formgültigen Kaufvertrag. Inzwischen ist die [[Stadtmauer (Helmstedt)|Mauer]] – soweit noch vorhanden – überall saniert. Damit ist sichergestellt, dass sie uns und der Nachwelt erhalten bleibt. | |||
Damit endet der Aktenvorgang über ein nicht unwichtiges Kapitel der Geschichte der Stadt, die uns in unserer [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]] heute immer noch begegnet. | |||
Es wird oft die Frage gestellt, ob an der [[Helmstedt]]er [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]] einstmals ein Wehrgang war. Vielen Stadtmauern, insbesondere in Süddeutschland, ist ein solcher Wehrgang erhalten geblieben. Er ist dort eine besondere Attraktion für die Touristen. An unserer [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]] ist ein solcher Gang nicht ausdrücklich nachgewiesen. Solche Gänge waren in der Regel aus Holz und sind deshalb verwittert. Kragsteine im Bereich des [[Batteriewall]]es zwischen [[Eulenturm|Eulen]]- und [[Pulverturm]] lassen allerdings die Vermutung zu, dass wenigstens dort ein solcher Gang gewesen sein könnte. Mit dem Einsetzen der Feuerwaffen verloren die Wehrgänge mit der Verteidigung von oben ihre Bedeutung. Jetzt war die Sicherheit hinter der Mauer wichtiger, die Verteidigung verlief nun horizontal. Wohl hat es „Wehrlöcher“, aus denen einstmals geschossen wurde, gegeben. | |||
Während die [[Helmstedt]]er [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]] uns in das Mittelalter entführt, gibt es aus jener Zeit eine heute noch lebendige Wirklichkeit: Die [[Helmstedter Schützenbrüderschaft von 1370|Helmstedter Schützen]]. Die Gesellschaft ist einmal, wie in den meisten anderen Städten, aus der Gemeinschaft der männlichen Bürger entstanden, die verpflichtet waren, im Ernstfall ihre Stadt mit Speeren, Spießen und später Feuerwaffen zu verteidigen. Derjenige Bürger, der bei den Übungen die besten Schüsse abgab, war für ein Jahr von den städtischen Steuern befreit. Deshalb hieß das Schützenfest früher „Freischießen“. In Peine z. B. hat sich diese Bezeichnung für das Fest der Schützen bis heute erhalten. | |||
Die [[Helmstedter Schützenbrüderschaft von 1370|Helmstedter Schützenbrüderschaft]] steht voll in dieser Tradition. Sie lässt sich bis in die Zeit um [[1370]] nachweisen. Belegt ist dies durch ein Dokument, das sich im Stadtarchiv Goslar befindet. Darin erbitten Schützenmeister und Schützengemeinde zu [[Helmstedt]] eine Antwort auf eine bereits ergangene Einladung zum Schützenfest des laufenden Jahres. Dieses Jahr ist leider nicht angegeben, wird aber den Schriftzügen nach als etwa [[1370]] angenommen. Der Name Hans Zengeberen, der in dem Dokument vorkommt, ist in den Bürgerbüchern von [[Robert Schaper]] leider nicht aufgeführt. Steuerlisten aus jener Zeit gibt es ebenfalls nicht. So kann das Jahr durch diese Person leider nicht weiter eingeengt werden. | |||
Wo zu jener Zeit die [[Helmstedter Schützenbrüderschaft von 1370|Schützen]] geübt haben, wissen wir leider nicht. In einer Satzung aus dem Jahre [[1688]] ist festgelegt, dass sich unter anderem die [[Helmstedter Schützenbrüderschaft von 1370|Schützen]] alle Montage auf dem Walle, ehe das Schießen angeht, zu versammeln haben.<ref>[[Helmstedter Schützenbrüderschaft von 1370|Helmstedter Schützenbrüderschaft e. V. v. 1370]], „Festschrift zur 600-Jahr-Feier“, Helmstedt 1970, S. 49</ref> Das muss der [[Schützenwall]] gewesen sein, von dem die [[Helmstedter Schützenbrüderschaft von 1370|Schützen]] nach dem in dieser Chronik in dem Kapitel „Die Universität Helmstedt“ erwähnten Unglücksschuss auf die Hofrätin Mencken „vertrieben“ wurden. Das war [[1760]]. Schießübungen durften einige Jahre überhaupt nicht stattfinden, bis dann schließlich den [[Helmstedter Schützenbrüderschaft von 1370|Schützen]] eine Stelle am Schwarzen Berge an der [[Walbecker Straße]], oben am [[Lappwald]], für ihre Aktivitäten und auch für das jährliche „Freischießen“ zugewiesen wurde. Das war etwas zu weit von der Stadt entfernt, und so bekamen die [[Helmstedter Schützenbrüderschaft von 1370|Schützen]] schließlich auf ihr Bitten [[1794]] ihren Platz an der [[Maschsiedlung (Stadtviertel)|Masch]], wo bereits im selben Jahr ein sicherlich bescheidenes [[Schützenhaus Helmstedt|Schützenhaus]] erstellt werden konnte. Es brannte [[1828]] vollständig nieder. Zwei Jahre später war dann ein größeres und damit würdigeres [[Schützenhaus Helmstedt|Schützenhaus]] fertiggestellt. [[1887]] wurde der neue Festsaal angebaut, nachdem der Konsul Alexander Johannes Benjamin Dieckmann uneigennützig Kapital dazu geliehen hatte.<ref>[[Helmstedter Schützenbrüderschaft von 1370|Helmstedter Schützenbrüderschaft]], a. a. O., S. 51</ref> Dieser Saal brannte im Jahre [[1900]] ab und wurde massiv wieder aufgebaut. | |||
In der NS-Zeit entstand in Riddagshausen aus Mitteln der Hermann-Göring-Stiftung – der Namensträger war u. a. Reichsjägermeister – der Reichsjägerhof. In [[Helmstedt]] sollte ein Kreisjägerhof erbaut werden. Als Platz dafür wurde die [[Maschsiedlung (Stadtviertel)|Masch]] und damit das [[Schützenhaus Helmstedt|Schützenhaus]] gewählt. Die [[Helmstedter Schützenbrüderschaft von 1370|Helmstedter Schützenbrüderschaft]] wurde veranlasst, ihr Grundstück an die genannte Stiftung abzutreten. [[1936]] wurde der große Saal abgerissen, ebenso ein Musikpavillon und die Schießhalle.<ref>[[Helmstedter Schützenbrüderschaft von 1370|Helmstedter Schützenbrüderschaft]], a. a. O., S. 100</ref> Am 27. November [[1938]] wurde der Kreisjägerhof von den damaligen Machthabern eingeweiht. Im Zweiten Weltkrieg war das Haus Lazarett. [[1947]] wurde die Schützenbrüderschaft durch ihren 1. Vorsitzenden Hermann Hennecke und Notar [[Wilhelm Abry]] wiedergegründet. Aus dem Kreisjägerhof wurde wieder das [[Schützenhaus Helmstedt|Schützenhaus]]. | |||
== Die Helmstedter Stadttürme (S. 95–98) == | == Die Helmstedter Stadttürme (S. 95–98) == | ||
[[Helmstedt]] kann für sich in Anspruch nehmen, im ehemaligen Herzogtum Braunschweig der einzige Ort zu sein, der mit dem [[Hausmannsturm]] noch einen alten Stadtturm aufzuweisen hat. Weder Wolfenbüttel noch Braunschweig oder andere Orte können insoweit mit uns konkurrieren. Jede Stadt hatte früher wenigstens an den wichtigsten Toren Stadttürme. Sie dienten verschiedensten Zwecken. In Norddeutschland sind diese Anlagen meistens verschwunden. Merian bzw. zwei seiner Söhne haben auf dem bekannten Kupferstich von [[1654]] für [[Helmstedt]] dieses Wahrzeichen festgehalten. Das Bild zeigt mit einer Mauer und dem Teich im Vordergrund einen sehr wehrhaften Ort, aber zugleich auch ein imposantes Stadtbild. Um [[Helmstedt]] betrachten zu können, hat der Zeichner mit einer Stelle am [[Lappwald]]rand einen Ort ausgewählt, von dem der Wanderer oder der Fahrer auf der Autobahn auch heute noch den nicht unberechtigten Eindruck einer schönen Stadt hat. Übrigens, Merian, geboren [[1593]] zu Basel, verstorben [[1650]] zu Frankfurt/Main, ist nie in [[Helmstedt]] gewesen. Um das große Werk einer Topographie aller Städte Deutschlands gestalten zu können, bedienten sich Merian bzw. seine Söhne Matthäus d. J. und Kaspar vieler Helfer. In den Fürstentümern Lüneburg und Wolfenbüttel war es der Kupferstecher Konrad Buno aus dem Hessischen, der sich [[1640]] in Braunschweig und dann später in Wolfenbüttel niedergelassen hatte. Das von ihm dort bewohnte Haus wird heute noch gezeigt. Buno bereiste die einzelnen Fürstentümer, Empfehlungsschreiben des jeweiligen Herzogs an die einzelnen Städte waren vorausgegangen. Er zeichnete Ansichten auf Papier, skizzierte mitunter das Gesehene auf Schrifttafeln, um es auf besondere Blätter zu übertragen. So kam er ganz gut voran. Gandersheim, wo er am 31. Juli [[1652]] eingetroffen war und bis zum 2. August blieb, war offenbar der letzte Ort im hiesigen Fürstentum, denn noch in demselben Monat fing er im Calenbergischen mit seinen Zeichnungen an. In [[Helmstedt]] wird er also in der ersten Hälfte des Jahres [[1652]] gewesen sein. In der Kämmereirechnung findet sich leider kein Eintrag über entsprechende Ausgaben des Rates.<ref>Zimmermann, P. "Matthäus Merians Topographie der Herzogtümer Braunschweig und Lüneburg" in Jahrbuch des Geschichtsvereins für das Herzogtum Braunschweig 1902, S. 38 ff.</ref> | [[Helmstedt]] kann für sich in Anspruch nehmen, im ehemaligen Herzogtum Braunschweig der einzige Ort zu sein, der mit dem [[Hausmannsturm]] noch einen alten Stadtturm aufzuweisen hat. Weder Wolfenbüttel noch Braunschweig oder andere Orte können insoweit mit uns konkurrieren. Jede Stadt hatte früher wenigstens an den wichtigsten Toren Stadttürme. Sie dienten verschiedensten Zwecken. In Norddeutschland sind diese Anlagen meistens verschwunden. Merian bzw. zwei seiner Söhne haben auf dem bekannten Kupferstich von [[1654]] für [[Helmstedt]] dieses Wahrzeichen festgehalten. Das Bild zeigt mit einer Mauer und dem Teich im Vordergrund einen sehr wehrhaften Ort, aber zugleich auch ein imposantes Stadtbild. Um [[Helmstedt]] betrachten zu können, hat der Zeichner mit einer Stelle am [[Lappwald]]rand einen Ort ausgewählt, von dem der Wanderer oder der Fahrer auf der Autobahn auch heute noch den nicht unberechtigten Eindruck einer schönen Stadt hat. Übrigens, Merian, geboren [[1593]] zu Basel, verstorben [[1650]] zu Frankfurt/Main, ist nie in [[Helmstedt]] gewesen. Um das große Werk einer Topographie aller Städte Deutschlands gestalten zu können, bedienten sich Merian bzw. seine Söhne Matthäus d. J. und Kaspar vieler Helfer. In den Fürstentümern Lüneburg und Wolfenbüttel war es der Kupferstecher Konrad Buno aus dem Hessischen, der sich [[1640]] in Braunschweig und dann später in Wolfenbüttel niedergelassen hatte. Das von ihm dort bewohnte Haus wird heute noch gezeigt. Buno bereiste die einzelnen Fürstentümer, Empfehlungsschreiben des jeweiligen Herzogs an die einzelnen Städte waren vorausgegangen. Er zeichnete Ansichten auf Papier, skizzierte mitunter das Gesehene auf Schrifttafeln, um es auf besondere Blätter zu übertragen. So kam er ganz gut voran. Gandersheim, wo er am 31. Juli [[1652]] eingetroffen war und bis zum 2. August blieb, war offenbar der letzte Ort im hiesigen Fürstentum, denn noch in demselben Monat fing er im Calenbergischen mit seinen Zeichnungen an. In [[Helmstedt]] wird er also in der ersten Hälfte des Jahres [[1652]] gewesen sein. In der Kämmereirechnung findet sich leider kein Eintrag über entsprechende Ausgaben des Rates.<ref>Zimmermann, P. "Matthäus Merians Topographie der Herzogtümer Braunschweig und Lüneburg" in Jahrbuch des Geschichtsvereins für das Herzogtum Braunschweig 1902, S. 38 ff.</ref> | ||
| Zeile 127: | Zeile 256: | ||
Nun noch etwas zu dem Sandsteinrelief an der Westseite über dem Tor. Es soll die Krönung der Maria zur Himmelsgöttin darstellen.<ref>"Das Marienbild am Hausmannsturm zu Helmstedt" in "Alt-Helmstedt" Januar 1926, Nr. 1</ref> Die [[Helmstedt]]er sehen in den beiden Figuren auch Kaiser Lothar und seine Ehefrau. In das Reich der Sage gehört natürlich, dass sie um Mitternacht ihren Platz verlassen und um den Turm herumgehen. | Nun noch etwas zu dem Sandsteinrelief an der Westseite über dem Tor. Es soll die Krönung der Maria zur Himmelsgöttin darstellen.<ref>"Das Marienbild am Hausmannsturm zu Helmstedt" in "Alt-Helmstedt" Januar 1926, Nr. 1</ref> Die [[Helmstedt]]er sehen in den beiden Figuren auch Kaiser Lothar und seine Ehefrau. In das Reich der Sage gehört natürlich, dass sie um Mitternacht ihren Platz verlassen und um den Turm herumgehen. | ||
Als diese Diskussion um den Abriss des [[Neumärker Tor]]es geführt wurde, gab es die beiden anderen Türme, nämlich den [[Südertorturm]] und den [[Osterturm]] schon nicht mehr. | Als diese Diskussion um den Abriss des [[Neumärker Tor]]es geführt wurde, gab es die beiden anderen Türme, nämlich den [[Südertor (Turm)|Südertorturm]] und den [[Ostertor|Osterturm]] schon nicht mehr. | ||
Der [[Südertorturm]] war 22 ½ Fuß lang und 24 ½ Fuß breit, 32 Fuß hoch (= 9,15 m), also relativ niedrig. Das Dach bestand aus vier Walmen mit Breitziegeln. Wir wissen aber nicht, wie weit die Höhe gemessen wurde, ob bis zum Dachbeginn oder sogar bis zur Spitze. Im Vergleich dazu die Höhe unseres [[Hausmannsturm]]es: bis ganz oben zur Wetterfahne 36 m, bis zur Dachrinne 20 m. Dieser war in jedem Fall der größte der drei [[Helmstedt]]er Stadttortürme. Deshalb hatte dort auch der Feuerwächter seinen Platz. | Der [[Südertor (Turm)|Südertorturm]] war 22 ½ Fuß lang und 24 ½ Fuß breit, 32 Fuß hoch (= 9,15 m), also relativ niedrig. Das Dach bestand aus vier Walmen mit Breitziegeln. Wir wissen aber nicht, wie weit die Höhe gemessen wurde, ob bis zum Dachbeginn oder sogar bis zur Spitze. Im Vergleich dazu die Höhe unseres [[Hausmannsturm]]es: bis ganz oben zur Wetterfahne 36 m, bis zur Dachrinne 20 m. Dieser war in jedem Fall der größte der drei [[Helmstedt]]er Stadttortürme. Deshalb hatte dort auch der Feuerwächter seinen Platz. | ||
Unter dem [[Südertorturm]] war eine Durchfahrt mit zwei Bogen und einem Gewölbe, so wie wir es heute noch vom [[Neumärker Tor]] her kennen. In der zweiten Etage waren eine Stube, eine Kammer und eine kleine Küche. In diesen Räumen lebte zuletzt der Turmschließer Brandt. Im Mai/Juni [[1820]] wurde der Turm abgerissen. Er befand sich – stadtseitig gesehen – unmittelbar hinter dem [[1968]] abgerissenen Haus [[Südertor]] 5, das bereits innerhalb der Stadtmauern lag. Er hatte eine Durchfahrt von ca. 4,85 m. | Unter dem [[Südertor (Turm)|Südertorturm]] war eine Durchfahrt mit zwei Bogen und einem Gewölbe, so wie wir es heute noch vom [[Neumärker Tor]] her kennen. In der zweiten Etage waren eine Stube, eine Kammer und eine kleine Küche. In diesen Räumen lebte zuletzt der Turmschließer Brandt. Im Mai/Juni [[1820]] wurde der Turm abgerissen. Er befand sich – stadtseitig gesehen – unmittelbar hinter dem [[1968]] abgerissenen Haus [[Südertor]] 5, das bereits innerhalb der Stadtmauern lag. Er hatte eine Durchfahrt von ca. 4,85 m. | ||
Die Besonderheit war, dass die Strecke bis zum heutigen [[Batteriewall]] bzw. [[Kleiner Wall|Kleinen Wall]], die damals [[Süderwall|Süder]]- bzw. [[Osterwall]] hießen, von einer Mauer, acht Fuß und zwei Fuß stark, umschlossen war, wobei die eine Mauer ca. 180, die andere ca. 160 Fuß lang war. Die Durchfahrt war ebenfalls sehr eng und hatte teilweise nur eine Breite von 5 m. Das Haus des Torwirts befand sich vor dem jetzt bebauten Grundstück [[Batteriewall]] / Ecke [[Wilhelmstraße]]. Es wurde [[1824]] abgerissen, die beiden Mauern längs der Zufahrt bereits [[1821]]. Ein neues Torwirtshaus wurde unmittelbar hinter dem alten auf dem heutigen Eckgrundstück [[Batteriewall]] / Ecke [[Wilhelmstraße]] errichtet. Es existiert nicht mehr. Um damals die Stadt an dieser Stelle weiterhin nachts bei Bedarf geschlossen zu halten, wurde zwischen den beiden Enden der Stadtmauer ein Torweg mit insgesamt vier Säulen, die die Fahrstraße und die beiden Fußwege abgrenzten, gesetzt. | Die Besonderheit war, dass die Strecke bis zum heutigen [[Batteriewall]] bzw. [[Kleiner Wall|Kleinen Wall]], die damals [[Süderwall|Süder]]- bzw. [[Osterwall]] hießen, von einer Mauer, acht Fuß und zwei Fuß stark, umschlossen war, wobei die eine Mauer ca. 180, die andere ca. 160 Fuß lang war. Die Durchfahrt war ebenfalls sehr eng und hatte teilweise nur eine Breite von 5 m. Das Haus des Torwirts befand sich vor dem jetzt bebauten Grundstück [[Batteriewall]] / Ecke [[Wilhelmstraße]]. Es wurde [[1824]] abgerissen, die beiden Mauern längs der Zufahrt bereits [[1821]]. Ein neues Torwirtshaus wurde unmittelbar hinter dem alten auf dem heutigen Eckgrundstück [[Batteriewall]] / Ecke [[Wilhelmstraße]] errichtet. Es existiert nicht mehr. Um damals die Stadt an dieser Stelle weiterhin nachts bei Bedarf geschlossen zu halten, wurde zwischen den beiden Enden der Stadtmauer ein Torweg mit insgesamt vier Säulen, die die Fahrstraße und die beiden Fußwege abgrenzten, gesetzt. | ||
Die Neugestaltung der alten Wehranlage mit der Schaffung der Wälle ermöglichte es nun, im Vorfeld der Mauer Gärten anzulegen. Sie brachten bei einem Verkauf durch den erzielten Preis oder aber durch einen jährlichen Erbzins der Stadt zusätzliche Einnahmen. So erwarben nach [[1749]] der Seifensieder Rickert, der Brauer Temme und der Brauer Haspelmacher je einen Garten unmittelbar am alten [[ | Die Neugestaltung der alten Wehranlage mit der Schaffung der Wälle ermöglichte es nun, im Vorfeld der Mauer Gärten anzulegen. Sie brachten bei einem Verkauf durch den erzielten Preis oder aber durch einen jährlichen Erbzins der Stadt zusätzliche Einnahmen. So erwarben nach [[1749]] der Seifensieder Rickert, der Brauer Temme und der Brauer Haspelmacher je einen Garten unmittelbar am alten [[Südertor (Turm)||Südertor]] in Richtung zur [[Neumark (Stadtviertel)|Neumark]]. [[1824]]/[[1825]] erwarb der in der [[Bötticherstraße]] 51 (Haus der Professoren von Mosheim und Henke) wohnende Kreisamtmann Friedrich-Joachim von Heinemann diese Grundstücke für 1.345 Taler. Ein Jahr später, [[1826]], baute er auf diesem Gelände ein herrschaftliches Wohnhaus, das heute noch steht. In ihm befindet sich seit [[1853]] der [[Landkreis Helmstedt|Landkreis]], der damals „[[Landkreis Helmstedt|Herzogliche Kreisdirektion]]“ hieß. | ||
Der [[Osterturm]] war 27 Fuß im Quadrat lang bzw. breit und 45 Fuß hoch, also 13 m, massiv gemauert. Er hatte ein Satteldach mit zwei Walmen, die mit Breitziegeln bedeckt waren. Die Durchfahrt war wie beim [[Neumärker Tor]] mit zwei Bogen und inwendig mit einem Gewölbe versehen. In der zweiten Etage waren eine Stube und eine kleine Küche, in der dritten und vierten Etage war ein Gefängnis. Er war 13 Fuß (= 3,72 m) höher als der [[Südertorturm]]. | Der [[Ostertor|Osterturm]] war 27 Fuß im Quadrat lang bzw. breit und 45 Fuß hoch, also 13 m, massiv gemauert. Er hatte ein Satteldach mit zwei Walmen, die mit Breitziegeln bedeckt waren. Die Durchfahrt war wie beim [[Neumärker Tor]] mit zwei Bogen und inwendig mit einem Gewölbe versehen. In der zweiten Etage waren eine Stube und eine kleine Küche, in der dritten und vierten Etage war ein Gefängnis. Er war 13 Fuß (= 3,72 m) höher als der [[Südertor (Turm)|Südertorturm]]. | ||
Am 8. Juni [[1821]] wurde der Turm zum Abbruch meistbietend verkauft. Es bemühten sich darum der Apotheker Lichtenstein, der gerade am [[Papenberg]] die [[Ratsapotheke]] bauen wollte, und der Maurermeister Linke. Für die Summe von 124 Reichstalern erhielt der Maurermeister den Zuschlag, der jedoch nach Angaben von [[Robert Schaper]] diese Steine leider nicht dazu benutzte, um in [[Helmstedt]] ein Haus zu bauen. Er verwendete sie weit außerhalb, so dass uns noch nicht einmal diese Reste als Erinnerung an den alten Turm geblieben sind. Auch sonst weist nichts mehr darauf hin, wo jahrhundertelang zwei alte Stadttore in Helmstedt gestanden haben, im Gegensatz zum [[Nordertor]]: dort ist (wie bereits erwähnt) am Ende des [[Langer Steinweg|Langen Steinweges]] der Rest einer Mauer zu sehen, die damals zu dem turmlosen [[Nordertor]] gehört hat. | Am 8. Juni [[1821]] wurde der Turm zum Abbruch meistbietend verkauft. Es bemühten sich darum der Apotheker Lichtenstein, der gerade am [[Papenberg]] die [[Ratsapotheke]] bauen wollte, und der Maurermeister Linke. Für die Summe von 124 Reichstalern erhielt der Maurermeister den Zuschlag, der jedoch nach Angaben von [[Robert Schaper]] diese Steine leider nicht dazu benutzte, um in [[Helmstedt]] ein Haus zu bauen. Er verwendete sie weit außerhalb, so dass uns noch nicht einmal diese Reste als Erinnerung an den alten Turm geblieben sind. Auch sonst weist nichts mehr darauf hin, wo jahrhundertelang zwei alte Stadttore in Helmstedt gestanden haben, im Gegensatz zum [[Nordertor]]: dort ist (wie bereits erwähnt) am Ende des [[Langer Steinweg|Langen Steinweges]] der Rest einer Mauer zu sehen, die damals zu dem turmlosen [[Nordertor]] gehört hat. | ||