Helmstedt – die Geschichte einer deutschen Stadt: Unterschied zwischen den Versionen

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In der NS-Zeit sollte [[1938]] der Heilige entthront werden. Für den Ausbau eines Kameradschafts- und Führersaales im Hause der Gauleitung in Hannover hatte [[Helmstedt]] wie auch andere Städte des Gaues einen Stuhl zu stiften. In die Rückenlehne sollte das Stadtwappen eingelegt werden. Der Betrag von 70 Mark wurde, „obwohl die Haushaltslage der Stadt [[Helmstedt]] jede Sonderausgabe verbietet“, zwar überwiesen, ein solcher Stuhl aber nie hergestellt, denn ein Wappen mit einem Heiligen fand bei der hohen Parteileitung keinerlei Anklang. „Vielleicht findet sich auch für [[Helmstedt]] ein Symbol, das besser der heutigen Zeit entspricht, als das jetzt vorhandene Wappen.“ So kam man in [[Helmstedt]] auf das [[Juleum]] als Motiv für ein neues städtisches Siegel und Wappen. Dr. Hermann Kleinau, seinerzeit Direktor des Braunschweigischen Staatsarchivs in Wolfenbüttel, widersprach der Verwendung eines Gebäudes als Wappen. „Damit würde man der jahrhundertealten Tradition der Stadt, die ihre Wurzeln auch aus der Zeit vor der Universitätsgründung bezieht, nicht gerecht werden.“ Der Krieg verhinderte eine Durchführung dieses Planes, selbst Ministerpräsident Dietrich Klagges riet dem Bürgermeister, das alte Wappenbild nicht aufzugeben. So erwies sich der Heilige auch noch nach vielen Jahrhunderten stärker als die Ideen der damaligen Machthaber.
In der NS-Zeit sollte [[1938]] der Heilige entthront werden. Für den Ausbau eines Kameradschafts- und Führersaales im Hause der Gauleitung in Hannover hatte [[Helmstedt]] wie auch andere Städte des Gaues einen Stuhl zu stiften. In die Rückenlehne sollte das Stadtwappen eingelegt werden. Der Betrag von 70 Mark wurde, „obwohl die Haushaltslage der Stadt [[Helmstedt]] jede Sonderausgabe verbietet“, zwar überwiesen, ein solcher Stuhl aber nie hergestellt, denn ein Wappen mit einem Heiligen fand bei der hohen Parteileitung keinerlei Anklang. „Vielleicht findet sich auch für [[Helmstedt]] ein Symbol, das besser der heutigen Zeit entspricht, als das jetzt vorhandene Wappen.“ So kam man in [[Helmstedt]] auf das [[Juleum]] als Motiv für ein neues städtisches Siegel und Wappen. Dr. Hermann Kleinau, seinerzeit Direktor des Braunschweigischen Staatsarchivs in Wolfenbüttel, widersprach der Verwendung eines Gebäudes als Wappen. „Damit würde man der jahrhundertealten Tradition der Stadt, die ihre Wurzeln auch aus der Zeit vor der Universitätsgründung bezieht, nicht gerecht werden.“ Der Krieg verhinderte eine Durchführung dieses Planes, selbst Ministerpräsident Dietrich Klagges riet dem Bürgermeister, das alte Wappenbild nicht aufzugeben. So erwies sich der Heilige auch noch nach vielen Jahrhunderten stärker als die Ideen der damaligen Machthaber.
== „Der Faule Bach“ oder „Einst schwammen Forellen durch Helmstedt“ (S. 219–223) ==
[[Friedrich August Ludewig|Ludewig]] schreibt in seiner Geschichte der Stadt [[Helmstedt]] [[1821]] (S. 161): „Fließwasser hat die Stadt nicht“, und der im Kapitel „Krankheiten“ ausführlicher zu zitierende Professor Remer bemerkt in den „Annalen der klinischen Anstalt“, [[1807]]: „Es fehlt an einem Flusse.“ Dennoch hat [[Helmstedt]] einen Bach. Er wird zwar der „[[Fauler Bach|Faule Bach]]“ genannt, aber das war nicht immer so.
Noch Anfang des 18. Jahrhunderts wird dieser wenig schmeichelnde Zusatz weggelassen. Er heißt lediglich „[[Fauler Bach|Der Bach]]“, und mag der Spruch, den wir noch in der Schule gehört haben, „Magdeburg am Elbestrande, Braunschweig liegt im Okerlande, [[Helmstedt]] aber weh und ach, [[Helmstedt]] liegt am [[Fauler Bach|Faulen Bach]]“, für die letzte Zeit zutreffen, aber gewiss nicht für früher.
Wasser ist Leben, heißt es. Das gilt nicht nur heute, das galt auch schon vor Tausenden von Jahren. Wir können davon ausgehen, dass die Besiedlung unserer Heimat in der Nähe des [[St. Annenberg]]es oder wie nachgewiesen am [[Pfingstberg]] bei [[Emmerstedt]] nur deshalb geschah, weil die Menschen damals in jener Gegend Fließwasser oder aber gutes Grundwasser vorfanden.
Auch die ersten „echten“ [[Helmstedt]]er hätten sich sicherlich nicht in der Gegend der [[Edelhöfe]] angesiedelt, wenn dort nicht die Möglichkeit bestanden hätte, eben aus dem „[[Fauler Bach|Faulen Bach]]“ den Bedarf an Wasser zu decken. So hat er ein besonderes Kapitel in der Chronik verdient.
Der Bach floss damals wie heute an – jetzt unter – der Straße [[Beek]] und dann an den Hinterfronten der Gartengrundstücke, die zu den Häusern [[Fechtboden]] und [[Streplingerode]] gehören, entlang, um zwischen den Grundstücken 12 und 13 bzw. an der gegenüberliegenden Seite 18 und 19 die [[Kybitzstraße]] zu überqueren. Noch in den 1940er-Jahren [… unseres Jahrhunderts …] lagen an dieser Stelle auf der Straßenfläche Sandsteinplatten, die das Bachbett abdeckten, und in einem Kaufvertrag aus der Zeit um [[1700]] wurde das Haus Nr. 18 dadurch näher bezeichnet: „Es liegt an der Brücke“. Der deutlich sichtbare Zwischenraum zwischen den Häusern 18 und 19 weist auf den Lauf des [[Fauler Bach|Baches]] dort hin. Auch die Baulücke zwischen den Grundstücken [[Schuhstraße]] 12 und 14 wird durch ihn verursacht. Hier allerdings überquert er die Straße nicht auf direktem Wege, sondern er läuft zunächst in Richtung [[Ziegenmarkt]], um dann in Höhe des Grundstücks [[Schuhstraße]] 18, früher [[Sattler Schöndube]], wieder unter den Häusern zu verschwinden.
An der heutigen [[Gerbergasse]] präparierten die dort wohnenden Gerber ihre Schafs- und Ziegenfelle zu Oberleder für Schuhe, Gürtel, Bekleidung, Handschuhe usw. An der Trennlinie der Gartengrundstücke [[Bötticherstraße|Bötticher]]- und [[Stobenstraße]] verlief noch vor 100 Jahren ein Graben, der die Abwässer der an diesen Straßen liegenden Häuser aufnahm und sie dem [[Fauler Bach|Bach]] zuführte. Der weitere Weg geht ziemlich gradlinig quer über die [[Bötticherstraße|Bötticher]]- und [[Stobenstraße]], dann schräg in Richtung [[Kleiner Katthagen]] und von dort durch die [[Neumark (Stadtviertel)|Neumark]] in die Helmstedter Feldmark, wo er in Gräben (Lange Welle) einläuft und schließlich in der [[Schunter]] endet.
Aber wo beginnt sein Lauf?
Zu den Zeiten, als der [[Fauler Bach|Bach]] sich noch als frisches und echtes Gewässer durch das Gelände schlängelte und die ersten [[Helmstedt]]er zur Ansiedlung reizte, hatte er seinen Ursprung wie auch heute noch im [[Lappwald]]. Dort gab es am Waldesrand einige Teiche, die er entwässerte. Die Teiche gibt es heute nicht mehr. Sie verlandeten mit der Zeit, und der Bau der [[Bundesautobahn 2|Autobahn]] vor 65 Jahren gab ihnen den Rest. Der [[Fauler Bach|Faule Bach]] blieb erhalten. Für die Güte des ganz früher von ihm geführten Wassers spricht, dass er in den Akten als „Forellenbach“ bezeichnet wird. Es schwammen also tatsächlich Forellen durch [[Helmstedt]]. Das kann aber nur im Hohen Mittelalter der Fall gewesen sein, denn danach musste der [[Fauler Bach|Bach]] Funktionen übernehmen, die seine Wasserqualität zum Teil erheblich beeinträchtigten.
Schon die Mönche von [[Kloster St. Ludgeri|St. Ludgeri]] hatten den [[Fauler Bach|Bach]] unterbrochen. Sie legten dort, wo sich heute zwischen [[Taubenhaus]] und [[Ostendorf]] eine Streuobstwiese befindet, einen [[Ostendorfer Teich|Teich]] an und einen zweiten unter Ausnutzung des sumpfigen Geländes in der Nähe des [[Gymnasiums]]. Dieser ist heute noch vorhanden. Diese Gewässer sind ihm sicherlich nicht zum Verhängnis geworden. Als aber die [[Helmstedt]]er [[1423]] vor den Toren der Stadt den [[Nordertorteich|Nordertor]]- oder heutigen [[Sternberger Teich]] anlegten, zapften sie ihn erstmals an, denn entlang der Stadtbefestigung wurde am heutigen [[Langer Wall|Langen Wall]] ein Zufluss aus dem [[Ludgeriteich]] künstlich angelegt. Auf natürlichem Wege wurde der neue See durch den [[Haferbach]] zusätzlich aus dem [[Hafermühlenteich]] gespeist. So nahm einerseits der Zufluss des frischen Wassers ab, andererseits litt unser [[Fauler Bach|Bach]] unter einer ihm zugedachten neuen Aufgabe: der Entwässerung der [[Oberstadt (Stadtviertel)|Oberstadt]]. Als Trinkwasserlieferant hatte er damit ausgedient.
Wie sehr er sich dadurch im Laufe der Jahrzehnte verändern musste, zeigt die Beantwortung einer Anfrage des Regierungslandmessers aus Braunschweig vom 9. März [[1923]], ob der sogenannte „[[Fauler Bach|Faule Bach]]“ ein öffentliches Gewässer sei und wo sich zutreffendenfalls das Quellgrundstück befinde. Die Stadt entgegnete, der [[Fauler Bach|Bach]] müsse als künstlicher Privatwasserzug gelten, weil er der Abführung von Regenwasser und unreinen Gewässern der angrenzenden Grundstücke diene. Unternehmer sei die Stadt. Er beginne am [[Langer Wall|Langen Wall]] und münde noch auf [[Helmstedt]]er Gebiet in den Großen Graben.
Vielleicht waren auch rechtliche Überlegungen maßgebend für den Inhalt der Antwort. Denn nach dem Braunschweiger Wassergesetz vom 20. Juni [[1876]] war er bei dieser Begründung ein Privatgewässer, dessen Unterhaltung nach § 49 des Gesetzes den Eigentümern der angrenzenden Grundstücke oblag. Allerdings hatte man erkannt, dass die Unterhaltungspflicht der Anlieger rechtlich nicht voll begründet war, denn schließlich diente dieser [[Fauler Bach|Bach]] durch die Entsorgung von Abwässern und als Vorfluter der Innenstadt (Ableitung von Regenwasser) vornehmlich öffentlichen Interessen.
Solange unser [[Fauler Bach|Bach]] munter durch die Stadt plätschern durfte, war er problemlos. Schwierigkeiten gab es erst, als die Menschen ihn für ihre Zwecke sorglos zu missbrauchen begannen und ihn zum Abwasserkanal degradierten. Das hätte er sicherlich auch noch verkraftet, wenn man ihm dabei geholfen hätte. Das aber geschah nicht. Er lag voller Unrat, er verschlammte, und die Böschungen stürzten teilweise ein.
Vielleicht waren es die Professoren, die sich deshalb und über andere Dinge beim Herzog beklagten. Jedenfalls schrieb Carl I. am 9. April [[1737]] – seit [[1735]] war er Herzog –, er habe mit ungnädigem Missfallen vernommen, dass trotz seiner Ermahnungen, die Feuergefahr in der Stadt zu vermindern, es mit der unlängst anbefohlenen Reparatur der Brunnen sehr langsam zugehe und dass an die Aufräumung des [[Fauler Bach|Baches]] überhaupt nicht gedacht werde. Er behalte sich eine eigene Visitation nach Michaelis (im Herbst also) vor. Die Kosten für diese Arbeit solle der Magistrat gefälligst bei den Schoß- und Brunnengeldrestanten eintreiben. Restanten waren Bürger, die mit ihren Abgaben im Rückstand waren.
[[Liste der Bürgermeister:innen von Helmstedt|Bürgermeister]] [[Rudolf Anton Cellarius|Cellarius]], verstorben [[1743]] und Vorgänger des vom Herzog [[1744]] eingesetzten [[Helmstedt]]er [[Liste der Bürgermeister:innen von Helmstedt|Bürgermeister]]s [[Johann Dietrich Lichtenstein|Lichtenstein]], wohnhaft in der [[Magdeburger Straße]] in dem Haus, das später einmal Professor [[Gottfried Christoph Beireis|Beireis]] gehören sollte, wies untertänigst darauf hin, ein harter Winter hätte an den Wasserröhrenleitungen übermäßigen Schaden angerichtet, deshalb sei man mit den Arbeiten im Rückstand. Geld dafür habe man aber kaum, die säumigen Zahler seien arm, selbst die in [[Helmstedt]] einquartierten Dragoner hätten die Gelder bei ihnen nicht eintreiben können.
Der Herzog blieb unerbittlich, schließlich war [[Helmstedt]] seine [[Universität Helmstedt|Universitätsstadt]]. Er ordnete zum Ärger der Stadt an, dass der Gerichtsschultheiß Müller aus [[Schöningen]] für die Entschlammung der Teiche und des [[Fauler Bach|Baches]] zu sorgen und die entsprechenden Anordnungen direkt zu geben habe.
Der wurde auch tätig und reichte nach Beendigung der Arbeit beim Magistrat seine Rechnungen ein. Das Entsetzen war aufgrund der ganzen Umstände vorprogrammiert. So beklagte sich der Magistrat, dass der Betrag viel zu hoch angesetzt sei, man habe Arbeiter aus [[Schöningen]], Voigtsdahlum und [[Grasleben]] genommen, obwohl es genug arbeitswillige und arme [[Helmstedt]]er Bürger gebe. Den [[Fauler Bach|Bach]] habe man zwar ausgebracht, dies aber ohne Erfolg.
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Der Herr Müller habe nämlich versäumt, den vor dem Wall gelegenen Feuerteich auszuschlämmen. Da von dort das Wasser unter der Stadtmauer hindurch in den Sumpf vor dem Garten des Apothekers Landgraf (südlicher Teil des heutigen Wallplatzes) fließe, sei die Wasserstelle vor diesem Garten schon wieder mit Schlamm gefüllt. Folglich bezahle man nur einen Teil der Rechnung. Dieser Sumpf am Apothekergraben war der sogenannte Notteich, aus dem bei Feuer Löschwasser entnommen wurde.
Man war klug genug, einen Sachverständigen zuzuziehen. Dies war der Philosophieprofessor Johann Nicolaus Frobese (1701 bis 1756), Neumärker Straße 23, der sich zugleich mit Naturwissenschaften, Physik und Mathematik beschäftigte.
Frobese äußerte sich im Sinne der Stadt. Er bestätigte die schlechte Ausführung der Arbeiten. Er stellte ebenfalls fest, daß der Sumpf am Apothekergraben (heute südlicher Teil des Wallplatzes) schon wieder verschlammt sei, weil man den Feuersumpf vor dem Wall nicht gesäubert habe. Auch sei die Mauer, die man um den Sumpf am heutigen Wallplatz gezogen habe, so niedrig, dass selbst Kinder, wie erneut geschehen, ohne Mühe Schutt und dergleichen Unrat hineinwerfen könnten. Lediglich das Vieh würde durch die Mauer abgehalten, dort zu trinken und sich aufzuhalten. Weiter sei die Schwelle am Eingang zu hoch angebracht, somit sei es unmöglich, bei Feuergefahr Schlitten und Karren dort unmittelbar mit Wasser zu beladen. Im übrigen sei der Bach schon wieder sehr unsauber, die Schlammgruben darin voller Schlamm und die Böschungen voller Unrat, den ein starker Regenguß ohne weiteres in das Wasser spülen werde. – So blieb der Rat dem Herr Müller zwar zunächst 90 Taler schuldig, aber auch diese wurden schließlich gezahlt. Hofrat Lichtenstein machte es möglich.
Der Akte nach war dann 100 Jahre Ruhe. Der neue Bürgermeister hatte wohl für Ordnung gesorgt. Mit dem Verlust der Universität gab es auch die beschwerdeführenden Professoren nicht mehr. Jetzt erwachte aber das Umweltbewußtsein der Bürger. Krankheiten wurden oftmals als Folge unhygienischer Einflüsse von außen erkannt. 1829 beklagte der Notar und Advokat Dr. Bruns den schlechten Zustand. Er lebte unmittelbar am Bach, denn er wohnte im Meibomschen Haus Schuhstraße 14. Dr. Bruns beklagte sich darüber, daß bei starken Regengüssen Wasser aus dem Bach in seinen Keller laufe. Er nannte auch die Ursache: Da der Bach die Oberstadt entwässere, fließe besonders bei starken Niederschlägen viel Unrat wie auch Stroh von den Straßen über die Einläufe in das Flußbett, das dann verstopft werde. Er regte an, die Einläufe mit engen, eisernen Gittern zu versehen, damit Stroh und andere Dinge zurückgehalten werden.
Nach weiteren Beschwerden unternahm der bekannte Stadtrat Louis Löser, Markt 6, am 15.09.1852 eine Bachbegehung. Weit wird er dabei nicht gekommen sein, denn er mußte feststellen, daß der Bach im Bereich Stoben- und Bötticherstraße durch viele Holzbauten nahezu verschwunden war. Von dem Grundstück des Tierarztes Jürgen, Bötticherstraße 9, her hatte man den Bach sogar durch ein massives Gebäude überbrückt. Es gab damals noch kein Bauamt, das so etwas kontrollierte und vorher genehmigte.
Zur Kybitzstraße hin war es auch nicht viel besser: Brennesseln, Gesträuch und Gestrüpp behinderten den Abfluß und hielten Unrat fest. In Höhe der heutigen Gerbergasse, damals Faule Straße, leiteten die Weißgerber immer noch ihre Abfälle und Abgänge, die üble Gerüche verbreiteten und Verschlämmung und Verstopfung bewirkten, in den Bach.
Trotz dieser festgestellten Mißstände geschah zunächst nicht viel. Niemand konnte konkret sagen, wer die Kosten für die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes und die Unterhaltung eines ungehinderten Ablaufs in den Bach zu tragen hatte, ob die anliegenden Eigentümer, was der Stadt am liebsten gewesen wäre, oder aber die Stadtkasse selbst. Das Braunschweigische Wassergesetz schaffte 24 Jahre später auch nicht viel Klarheit, denn der Bach diente der gesamten Oberstadt als Abwässergraben.
Im Sommer 1872 traten massenhaft Durchfälle besonders bei Kindern auf. Der Arzt Dr. Hampe sah den Grund in der Anhäufung von Fäulnisprodukten in der Luft, am Boden und im Wasser am nun schon "Faulen Bach". Er empfahl, dem an allen zugänglichen Stellen mit Karbolsäure zu begegnen, was auch geschah.
In den folgenden Jahren nahmen die Beschwerden zu. Teilweise wurden Fundamente unterspült, Mauern sackten ab und stürzten in den Bach, Unkraut und Schlamm behinderten – schon wegen des geringen Gefälles – den Wasserlauf. 1867 stürzte der Rechtsanwalt Dr. Schottelius auf dem Gröpern wegen eines schadhaften Stakets sogar in das Gewässer, vielleicht hatte der Fall einen weinseligen Grund. – Auch Fuhrwerken wurde der Bach oftmals zum Verhängnis, denn er war auf den Straßen nur mit eichenen Bohlen abgedeckt. Sie wurden mit der Zeit morsch und konnten sich verschieben. Ein Pferd der Personenpost Helmstedt/Oebisfelde stürzte am 20.08.1888 um 05.30 Uhr auf der Schuhstraße vor dem Hause des Kornhändlers Linke wegen einer faulen Holzbohle in den Bach und drückte dabei die Deichsel nieder. Man konnte zwar weiterfahren, jedoch unweit der Grenze brach die Deichsel ab. Die Post blieb im Walde liegen. Ein Wagen der Posthalterei aus Weferlingen kam und übernahm den weiteren Transport. Kosten für die neue Deichsel 4,50 Mark, für den Eisenbeschlag 2,25 Mark.
Ca. 1880 begann man, den Bach durch offizielle Arbeiten zu überwölben. Einige Anlieger nutzten diese Möglichkeit, indem sie es selbst taten, auf dem so gewonnenen Gelände Schuppen oder Ställe errichteten und so ihr Grundstück erweiterten. 1864 hatte der Fabrikant Schmücking, Fechtboden 5, den Bach mit einem massiven Gebäude überbaut und darin eine große Schmiede mit Werkstätte untergebracht. Umsonst war diese Aneignung von Grund und Boden durch die Anwohner allerdings nicht. Noch bis 1941 mußten jährliche Anerkennungsgebühren gezahlt werden. – Vor gut 100 Jahren wurde der Bach dann in der Innenstadt durch senkrechte Wände und mit einer geraden Sohle und Abdeckung "kanalisiert". Die Abmessungen betrugen in der Breite ca. 75 cm, in Höhe der Schuhstraße ca. 70 und in der Kybitzstraße ca. 65 cm. Es verschwanden auch die eichenen Bohlen auf der Schuh- und Kybitzstraße. So wurden sie in der Schuhstraße 1893 durch Velpker Sandsteine ersetzt.
Regen und Hausabwässer flossen, wenn auch jetzt in Kanälen, die durch Platten abgedeckt waren, aber weiter in den Faulen Bach bzw. in der Unterstadt in den Mühlgraben. Für die menschlichen Bedürfnisse gab es durchweg Trockenklosetts auf den Höfen. Den Inhalt brachten die Hauseigentümer mitunter selbst auf den Misthaufen hinter ihrem Haus, teilweise sorgten die Abdecker für die Entsorgung. Ganz vereinzelt gab es um die Jahrhundertwende als Besonderheit schon Wassertoiletten. Besonders in den Villen an den Wällen und in dem damaligen Hotel Erbprinz, Eckgrundstück Neumärker Straße/Markt, dort allein fünf, waren sie installiert. Sie durften aber nicht an die städtische Kanalisation angeschlossen werden, so die ausdrückliche Anordnung des Stadtmagistrats und der Stadtpolizeibehörde vom 10.06.1896. Die Abwässer flossen deshalb in eine Sickergrube, die mindestens einmal im Jahr von dem Hauseigentümer zu entleeren war. Als es nach der Jahrhundertwende eine echte Kanalisation mit Röhren im Erdreich gab, mußte auf den Höfen der Häuser, die eine solche Wasserspülung hatten, ein Mehrkammersystem gebaut werden. Die schweren Sickerstoffe setzten sich in der ersten Kammer ab, das Wasser floß dann in eine zweite oder gar dritte Kammer und von dort in die Kanalisation (Überlaufsystem). Die Kammern, vor allen Dingen die erste, wurden nach Bedarf entleert. Entweder nahm der Hausbesitzer selbst diese Säuberung vor und brachte den Inhalt in seinen Garten, oder er forderte den Kloakenwagen beim Oberamtmann Brandt auf Ludgeri oder beim Gutsbesitzer Dieckmann an. Als Anfang 1925 die beiden Wagen dieser landwirtschaftlichen Betriebe nicht mehr funktionsfähig waren, kamen die betroffenen Hausbesitzer in arge Verlegenheit.
Die Stadt bemühte sich jetzt um die Anschaffung eines eigenen Fäkalien-Abfuhr-Wagens, den mit einem Fassungsvermögen von 1.200 1 eine Firma aus Schlesien im Juli 1925 einschließlich der Schlauchleitungen zum Preise von 2.286 Mark lieferte. Viele Helmstedter werden ihn noch kennen, gezogen von dem Pferdegespann eines hiesigen Landwirts war er noch bis nach dem Kriege in Betrieb. Er führte die Bezeichnung „Neptun-Momentsauger".
Um den Schlamm aus der tiefer liegenden Hausgrube aufzusaugen, wurde vorher Benzin oder das billigere Benzol in den Behälter gestäubt. Mit einem Streichholz wurde das Gemisch dann entzündet. Die Explosion verdrängte die in dem Faß befindliche Luft durch die obere Domklappe nach außen. Infolge des Außendrucks und des Vakuums im Faß schloß sich diese dann wieder. Die so entstandene Luftleere genügte, um Abwässer und auch Schlamm anzusaugen. In der Beschreibung sprach der Fabrikant nur von einer schwachen Explosion, tatsächlich ist es aber vorgekommen, daß Fensterscheiben zersplitterten und die Stadt Ersatz leisten mußte.
Hygienisch waren diese Gruben sicherlich nicht. Ratten nisteten sich dort ein. Manchmal wurden sie undicht, so daß Wasser in die Keller sickerte, mitunter liefen sie über. Im Krieg und in der Nachkriegszeit konnten sie auch nicht immer regelmäßig abgefahren werden, für defekte Schläuche gab es keinen Ersatz. Auch der Wagen selbst war mit der Zeit brüchig geworden. Gleich nach der Währungsreform wurde er durch ein motorisiertes Fahrzeug, das auch zum Besprengen der Straße – mit klarem Wasser natürlich – benutzt werden konnte, ersetzt. Als 1953/1954 in Helmstedt am Mühlgraben eine richtige Kläranlage betriebsbereit war, verschwand neben den Gruben mit der Zeit auch dieser Wagen. Übrigens hatten 1954 in Helmstedt erst 54 % aller Haushaltungen Wassertoiletten. Durch Ortsgesetz vom 28.10.1954 wurden private Kläreinrichtungen ab 30.01.1955 für nicht mehr zulässig erklärt.
Zurück zum „Faulen Bach", dem Helmstedt zunächst als Dorf, später als Stadt seine Existenz verdankt. Noch 1876 nannte ihn der Bürgermeister in einem Bericht, wie erwähnt und damals schon aus der Erinnerung heraus, nicht aufgrund gegebener Realitäten, "Forellenbach". Durch Eigensinn und Unverstand der Menschen wurde der Bach zu einem übelriechenden Rinnsal, das man schließlich in den Untergrund verbannte. Seine Geschichte ist einmal ein Vorwurf an unsere Vorfahren, mehr aber Mahnung an die heutige Zeit, die Natur und ihre Werte im eigenen Interesse schützen und erhalten zu lernen.
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== Die Helmstedter Buchdrucker (S. 494–505) ==
== Die Helmstedter Buchdrucker (S. 494–505) ==