Helmstedt – die Geschichte einer deutschen Stadt: Unterschied zwischen den Versionen

KKeine Bearbeitungszusammenfassung
KKeine Bearbeitungszusammenfassung
Zeile 18: Zeile 18:
-->
-->
== Das Helmstedter Stadtwappen (S. 99–100) ==
== Das Helmstedter Stadtwappen (S. 99–100) ==
Wir kennen alle das [[Helmstedt]]er Stadtwappen: Es zeigt den Heiligen Ludgerus mit roter Kasel und Mitra und mit dem Abtstab in der rechten und mit einem Buch, wohl der Heiligen Schrift, in der linken Hand. Auf das Merkmal Stadt weist die Mauer hin. Es beweist weiter, dass [[Helmstedt]] unter dem Krummstab groß geworden ist. Erstmals finden wir dieses Motiv in einem [[Helmstedt]]er Siegel aus dem Jahr [[1232]]. In dieser Form wurde das Siegel bis in das 16. Jahrhundert und wahrscheinlich auch noch später benutzt. Die Legende, d. h. die Umschrift in der Rundung, hat den Wortlaut „Sigillum burgnsium in Helmstadt", d. h. in deutsch „Siegel der Bürgerschaft in Helmstedt“, dabei hatte man in dem lateinischen Wort für Bürgerschaft das „e“ vergessen. Außer diesem großen Siegel gab es drei kleinere, die, wenn auch nicht zugleich, so aber ebenfalls bis in die Neuzeit dazu dienten, offizielle Akten der Stadt abzusiegeln. Auch noch in den Jahren [[1622]] und [[1625]] finden wir den Heiligen Ludgerus auf städtischen Urkunden. Zugleich wird aber ein anderes Symbol zum Emblem der Stadt: zwei gekreuzte Krummstäbe. Wir finden sie in den Holzschnitzereien am [[Rohrsches Haus|Rohrschen Haus]] (untere Reihe, siebentes Feld von links) und am [[Beguinenhaus]] (erbaut [[1580]]). Dort trägt die Darstellung den Zusatz „DRW“ = des Rates Wappen. Auch der bekannte Merianstich von [[1654]] zeigt sie als Wappen der Stadt. Am heutigen [[Rathaus (Helmstedt)|Rathaus]] sind sie an der Außenfront über dem mittleren Fenster des Sitzungssaales und über dem heutigen Stadtwappen ebenfalls sichtbar, gewissermaßen als Bindeglied zwischen dem mittelalterlichen [[Helmstedt]] und dem heutigen. Der Heilige Ludgerus war früher allein Inhalt des Siegels. Wappen und Siegel waren also verschieden. Arnold Rabbow, Verfasser des Braunschweigischen Wappenbuchs, Braunschweig [[1977]], ist dieser Unterschied mitunter begegnet, „diese Unterscheidung hat auch einen praktischen Sinn: Siegelbilder wurden damals gern detailreich und künstlerisch aufwendig gestaltet, um die Fälschung zu erschweren. Ein Wappen aber soll auch auf weite Sicht gut erkennbar sein, soll mithin einfach und übersichtlich gestaltet sein“.<ref>{{Literatur |Autor=Arnold Rabbow |Titel=Braunschweigisches Wappenbuch – Die Wappen der Gemeinden und Ortsteile in den Stadt- und Landkreisen Braunschweig, Gandersheim, Gifhorn, Goslar, Helmstedt, Peine, Salzgitter, Wolfenbüttel, Wolfsburg |Ort=Braunschweig |Datum=1977 |Seiten=59 }}</ref> Im 19. Jahrhundert erscheint der Heilige Ludger auch als Wappen der Stadt. Er trägt jetzt aber nicht das Heilige Buch, sondern einen Kelch.
Wir kennen alle das [[Helmstedt]]er Stadtwappen: Es zeigt den Heiligen Ludgerus mit roter Kasel und Mitra und mit dem Abtstab in der rechten und mit einem Buch, wohl der Heiligen Schrift, in der linken Hand. Auf das Merkmal Stadt weist die Mauer hin. Es beweist weiter, dass [[Helmstedt]] unter dem Krummstab groß geworden ist. Erstmals finden wir dieses Motiv in einem [[Helmstedt]]er Siegel aus dem Jahr [[1232]]. In dieser Form wurde das Siegel bis in das 16. Jahrhundert und wahrscheinlich auch noch später benutzt. Die Legende, d. h. die Umschrift in der Rundung, hat den Wortlaut „Sigillum burgnsium in Helmstadt“, d. h. in deutsch „Siegel der Bürgerschaft in Helmstedt“, dabei hatte man in dem lateinischen Wort für Bürgerschaft das „e“ vergessen. Außer diesem großen Siegel gab es drei kleinere, die, wenn auch nicht zugleich, so aber ebenfalls bis in die Neuzeit dazu dienten, offizielle Akten der Stadt abzusiegeln. Auch noch in den Jahren [[1622]] und [[1625]] finden wir den Heiligen Ludgerus auf städtischen Urkunden. Zugleich wird aber ein anderes Symbol zum Emblem der Stadt: zwei gekreuzte Krummstäbe. Wir finden sie in den Holzschnitzereien am [[Rohrsches Haus|Rohrschen Haus]] (untere Reihe, siebentes Feld von links) und am [[Beguinenhaus]] (erbaut [[1580]]). Dort trägt die Darstellung den Zusatz „DRW“ = des Rates Wappen. Auch der bekannte Merianstich von [[1654]] zeigt sie als Wappen der Stadt. Am heutigen [[Rathaus (Helmstedt)|Rathaus]] sind sie an der Außenfront über dem mittleren Fenster des Sitzungssaales und über dem heutigen Stadtwappen ebenfalls sichtbar, gewissermaßen als Bindeglied zwischen dem mittelalterlichen [[Helmstedt]] und dem heutigen. Der Heilige Ludgerus war früher allein Inhalt des Siegels. Wappen und Siegel waren also verschieden. Arnold Rabbow, Verfasser des Braunschweigischen Wappenbuchs, Braunschweig [[1977]], ist dieser Unterschied mitunter begegnet, „diese Unterscheidung hat auch einen praktischen Sinn: Siegelbilder wurden damals gern detailreich und künstlerisch aufwendig gestaltet, um die Fälschung zu erschweren. Ein Wappen aber soll auch auf weite Sicht gut erkennbar sein, soll mithin einfach und übersichtlich gestaltet sein“.<ref>{{Literatur |Autor=Arnold Rabbow |Titel=Braunschweigisches Wappenbuch – Die Wappen der Gemeinden und Ortsteile in den Stadt- und Landkreisen Braunschweig, Gandersheim, Gifhorn, Goslar, Helmstedt, Peine, Salzgitter, Wolfenbüttel, Wolfsburg |Ort=Braunschweig |Datum=1977 |Seiten=59 }}</ref> Im 19. Jahrhundert erscheint der Heilige Ludger auch als Wappen der Stadt. Er trägt jetzt aber nicht das Heilige Buch, sondern einen Kelch.


Um die letzte Jahrhundertwende wünschte man die offizielle Genehmigung eines Wappens durch den Herzog. So musste man sich zunächst über ein Motiv einigen. In Frage kamen die beiden „Löffel“, d. h. die Krummstäbe, oder der Heilige Ludger. Man dachte aber auch über ein ganz neues Motiv nach. Zunächst jedoch versuchte man, eine offizielle Stadtfarbe einzuführen. Der Archivrat Dr. Paul Zimmermann, der deshalb vom Rat angeschrieben wurde, stellte aus der Geschichte der Stadt und insbesondere aus den überlieferten Symbolen der beiden Ludgeri Klöster in [[Helmstedt]] und Werden die dominierenden Farben Blau und Weiß heraus und empfahl sie als Stadtfarben. Der Rat entsprach diesem Vorschlag. „Blau-Weiß“ wurden somit die [[Helmstedt]]er Farben, sie sind es bis heute geblieben. Im übrigen zeigte sich das „Pferd“ am Stadthaus in „Weiß“ auf blauem Grund. Der braunschweigische Geschichtsverein hat Anfang unseres Jahrhunderts einmal festgestellt, die eigentlichen [[Helmstedt]]er Farben seien „Rot-Gold“. Diese Feststellung führt zu dem „Löffel-Bild" zurück, es zeigt nämlich die beiden Abtstäbe „golden“ und den Hintergrund „rot“.
Um die letzte Jahrhundertwende wünschte man die offizielle Genehmigung eines Wappens durch den Herzog. So musste man sich zunächst über ein Motiv einigen. In Frage kamen die beiden „Löffel“, d. h. die Krummstäbe, oder der Heilige Ludger. Man dachte aber auch über ein ganz neues Motiv nach. Zunächst jedoch versuchte man, eine offizielle Stadtfarbe einzuführen. Der Archivrat Dr. Paul Zimmermann, der deshalb vom Rat angeschrieben wurde, stellte aus der Geschichte der Stadt und insbesondere aus den überlieferten Symbolen der beiden Ludgeri Klöster in [[Helmstedt]] und Werden die dominierenden Farben Blau und Weiß heraus und empfahl sie als Stadtfarben. Der Rat entsprach diesem Vorschlag. „Blau-Weiß“ wurden somit die [[Helmstedt]]er Farben, sie sind es bis heute geblieben. Im übrigen zeigte sich das „Pferd“ am Stadthaus in „Weiß“ auf blauem Grund. Der braunschweigische Geschichtsverein hat Anfang unseres Jahrhunderts einmal festgestellt, die eigentlichen [[Helmstedt]]er Farben seien „Rot-Gold“. Diese Feststellung führt zu dem „Löffel-Bild“ zurück, es zeigt nämlich die beiden Abtstäbe „golden“ und den Hintergrund „rot“.


Mit der Wahl von „Blau-Weiß“ als [[Helmstedt]]er Farben war auch die Entscheidung hinsichtlich des Wappens gefallen: Der Heilige Ludgerus mit der [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]] und dem Heiligen Buch sollte das Symbol unserer Stadt werden.
Mit der Wahl von „Blau-Weiß“ als [[Helmstedt]]er Farben war auch die Entscheidung hinsichtlich des Wappens gefallen: Der Heilige Ludgerus mit der [[Stadtmauer (Helmstedt)|Stadtmauer]] und dem Heiligen Buch sollte das Symbol unserer Stadt werden.
Zeile 29: Zeile 29:


In der NS-Zeit sollte [[1938]] der Heilige entthront werden. Für den Ausbau eines Kameradschafts- und Führersaales im Hause der Gauleitung in Hannover hatte [[Helmstedt]] wie auch andere Städte des Gaues einen Stuhl zu stiften. In die Rückenlehne sollte das Stadtwappen eingelegt werden. Der Betrag von 70 Mark wurde, „obwohl die Haushaltslage der Stadt [[Helmstedt]] jede Sonderausgabe verbietet“, zwar überwiesen, ein solcher Stuhl aber nie hergestellt, denn ein Wappen mit einem Heiligen fand bei der hohen Parteileitung keinerlei Anklang. „Vielleicht findet sich auch für [[Helmstedt]] ein Symbol, das besser der heutigen Zeit entspricht, als das jetzt vorhandene Wappen.“ So kam man in [[Helmstedt]] auf das [[Juleum]] als Motiv für ein neues städtisches Siegel und Wappen. Dr. Hermann Kleinau, seinerzeit Direktor des Braunschweigischen Staatsarchivs in Wolfenbüttel, widersprach der Verwendung eines Gebäudes als Wappen. „Damit würde man der jahrhundertealten Tradition der Stadt, die ihre Wurzeln auch aus der Zeit vor der Universitätsgründung bezieht, nicht gerecht werden.“ Der Krieg verhinderte eine Durchführung dieses Planes, selbst Ministerpräsident Dietrich Klagges riet dem Bürgermeister, das alte Wappenbild nicht aufzugeben. So erwies sich der Heilige auch noch nach vielen Jahrhunderten stärker als die Ideen der damaligen Machthaber.
In der NS-Zeit sollte [[1938]] der Heilige entthront werden. Für den Ausbau eines Kameradschafts- und Führersaales im Hause der Gauleitung in Hannover hatte [[Helmstedt]] wie auch andere Städte des Gaues einen Stuhl zu stiften. In die Rückenlehne sollte das Stadtwappen eingelegt werden. Der Betrag von 70 Mark wurde, „obwohl die Haushaltslage der Stadt [[Helmstedt]] jede Sonderausgabe verbietet“, zwar überwiesen, ein solcher Stuhl aber nie hergestellt, denn ein Wappen mit einem Heiligen fand bei der hohen Parteileitung keinerlei Anklang. „Vielleicht findet sich auch für [[Helmstedt]] ein Symbol, das besser der heutigen Zeit entspricht, als das jetzt vorhandene Wappen.“ So kam man in [[Helmstedt]] auf das [[Juleum]] als Motiv für ein neues städtisches Siegel und Wappen. Dr. Hermann Kleinau, seinerzeit Direktor des Braunschweigischen Staatsarchivs in Wolfenbüttel, widersprach der Verwendung eines Gebäudes als Wappen. „Damit würde man der jahrhundertealten Tradition der Stadt, die ihre Wurzeln auch aus der Zeit vor der Universitätsgründung bezieht, nicht gerecht werden.“ Der Krieg verhinderte eine Durchführung dieses Planes, selbst Ministerpräsident Dietrich Klagges riet dem Bürgermeister, das alte Wappenbild nicht aufzugeben. So erwies sich der Heilige auch noch nach vielen Jahrhunderten stärker als die Ideen der damaligen Machthaber.
<!--
== Die Helmstedter Bürgermeister von 1750 bis 1933 (S. 524–530) ==
Der [[Helmstedt]]er [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]] im Mittelalter wird urkundlich erstmals [[1232]] als Einzelperson erwähnt. Das war ein gewisser Wulframus. Auch die Stadtrechtsurkunde von [[1247]] spricht des öfteren von dem [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]]. Später waren es vier, mitunter „Consules“ genannte Herren, die an der Spitze der Stadt standen und die sich im Regieren zu zweit jährlich ablösten. Sie wurden nicht von der Bevölkerung, sondern von den Ratmannen gewählt, das waren in der Regel 10 bis 15 Bürger, die sich ggf. aus sich selbst ergänzten.


Daran änderte sich nichts, als [[Helmstedt]] [[1490]] zum Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel kam. Einen Teil ihrer Rechte hatte die Stadt dem Abt von Werden, dem bisherigen Stadtherren, schon abgetrotzt oder als Pfand für geliehenes Geld erhalten, weitere wurden ihr in den folgenden Jahren und Jahrzehnten von den braunschweigischen Herzögen ebenfalls als Sicherheit für Darlehen verpfändet. Wegen der fehlenden finanziellen Mittel gelang es den Herzögen in der Folgezeit nicht, sie wieder einzulösen. Das wurde anders, als Herzog Carl I. [[1735]] an die Regierung kam. Er war ein Herrscher, der dem Geist der Zeit nach als absoluter Landesherr auftrat und möglichst alles, was zu regieren und zu verwalten war, an sich riss und deshalb der Stadt die Regalien und Gerechtsame kündigte. Das fiel ihm um so leichter, weil das Geld im Laufe der Zeit wertloser geworden war. So übernahm er es jetzt, den Rat so zu besetzen, wie er es für richtig hielt. Er bestimmte auch den [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]], der nunmehr gleichzeitig Gerichtsschultheiß wurde. Gerichtet wurde damals „im Namen des Herzogs“.
Im Zusammenhang der [[Helmstedt]]er [[Liste der Bürgermeister von Helmstedt|Bürgermeister]] sollte der ältesten, aber nun nicht mehr in [[Helmstedt]] lebenden Familie gedacht werden: der Dorguths. Sie stammen aus Ostingersleben, dort sind sie [[1411]] nachgewiesen, und [[1460]] wurden zwei Söhne des „ältesten“ Dorguths, nämlich Henning und Hermann, Bürger unserer Stadt. [[1468]] wird ein Hinrik D. als Gerichtsvogt genannt, und 11 Jahre später sitzt Johann D. als Zweiter Bürgermeister im Rat der Stadt. 300 Jahre lang sind die Dorguths Mitglieder der Ratsversammlung, stellen sogar zeitweise einen Bürgermeister oder den Kämmerer. Der letzte Inhaber eines hohen Amtes war Johann Heinrich D., verstorben [[1743]]. In jenem Jahr wurden aus den Ehrenämtern Hauptämter, das war nun nichts mehr für die Kaufmannsfamilie Dorguth. Kaufleute waren sie bis zum „Schluss“. Im Jahre [[1764]] erwarb der Schuhmacher, Leder- und Viktualienhändler (Lebensmittel) Johann Andreas Heinrich Dorguth das Grundstück mit der ass-Nr. (Brandkassen-Nr.) 31 auf dem heutigen Gelände des [[Papenberg]]s 27. Sein Großsohn Eduard Dorguth erwarb das Nachbargrundstück. mit der ass.-Nr. 34 hinzu. Er riss die beiden benachbarten Gebäude ab, baute ein neues, und dies führte nun die amtliche Bezeichnung „[[Papenberg]] 27“. Über dem Eingang zu dem Lebensmittelgeschäft stand der Name „Eduard Dorguth“. Nach dem Tode von Eduard Dorguth [[1864]] übernahm der Sohn Otto das Handelsgeschätt und übertrug es [[1914]] auf den vielen [[Helmstedt]]ern noch bekannten Franz Dorguth. Mancher erinnert sich vielleicht noch an diese markante große Gestalt, die – in meiner Erinnerung schon mit weißem Haar – allmorgendlich am Eingang der Lebensmittelgroßhandlung stand, um das Wegschaffen der Ware zu den Einzelhändlern im [[Landkreis Helmstedt]] und den nachbarten Kreisen zu überwachen. Den Eingang gibt es heute noch, wenn auch in veränderter Form. Die Firmeninschrift ist verschwunden. An die Dorguths erinnert lediglich schräg gegenüber im [[Rohrschen Haus]] im untersten Bereich der Wappen das 10. Feld mit den Initialen links H. D. = Heinrich Dorguth und rechts daneben D. B. = Der Bürgermeister.<ref>Wilhelm Schrader: ''Helmstedter Ratsgeschlechter'' im Helmstedter Kreisblatt Mai – Juli 1951</ref>
Der erste Bürgermeister, den der Herzog ernannte, war [[1744]] [[Johann Dietrich Lichtenstein]]. Er war ein Mann, der sich um [[Helmstedt]] besonders verdient gemacht hat. Sein Großvater war noch Rabbiner gewesen, er selbst war aber ein christlich getaufter Jude. Er war am 17. Juli [[1706]] in Aurich geboren, er starb in [[Helmstedt]] am 24. Januar [[1773]]. Er hat das Amt bis zu seinem Tod inne gehabt. Gewohnt hat er zuletzt in dem Haus [[Streplingerode]] 1 (direkt gegenüber der [[Kybitzstraße]]).
[[Johann Dietrich Lichtenstein|Lichtenstein]] hatte in [[Helmstedt]] studiert, war anschließend Hauslehrer in Wolfenbüttel gewesen und dann „Beamter“ in der herzoglichen Regierung. Neben ihm gab es den 2. und 3. Bürgermeister, die damals ebenfalls vom Herzog ernannt wurden. Der 3. Bürgermeister war gleichzeitig Kämmerer; der 2, der Vertreter des 1. Bürgermeisters und Stadtsyndikus. Nachfolger von Lichtenstein wurde Eberhard Ludwig Cellarius. Schon der Vater war als Vorgänger von Lichtenstein Bürgermeister gewesen, zunächst zweiter, dann ab 1727 bis zu seinem Tode 1743 erster. Er wohnte Kybitzstraße 7. Der Sohn Eberhard regierte leider nur drei Jahre. Er starb am 06.03.1776. Ihm gehörte bis 1757 das Haus Schuhstraße 14, das Meibomsche Haus also.
Ab 1777 war Johann David Kühne Bürgermeister unserer Stadt, nach dessen Tod 1781 der Oberamtmann Rhamm. Jener wohnte Heinrichsplatz 10, er starb 1790. Seine Tochter Friederike heiratete Ende 1790 den berühmten Philosophieprofessor Gottlob Ernst Schulze. Das Ehepaar wohnte im Haus des verstorbenen Vaters bzw. Schwiegervaters. 1793 aber starb, 26 Jahre alt, Frau Schulze. Nachfolger von Rhamm wurde der Hofrat Fein. Er war vorher Kommissionsrat in Holzmin-den gewesen. Fein blieb in Helmstedt Bürgermeister bis zum Jahre 1808, also sogar bis in die Franzosenzeit hinein. Er hat sich um Helmstedt und um die Universität verdient gemacht, als er 1791 in einem Studentenaufruhr erfolgreich vermittelte. Er bekannte sich nach 1806 zu Napoleon und zu dem neuen Staat „Königreich Westphalen“. Mit Professor Henke war er 1807 in Paris. 1808 endete sein Amt hier in Helmstedt. Zwei Jahre später wurde er Generaldirektor der Staats-domänen für das Königreich Westphalen, 1813 starb er in Kassel. - Sein in Helmstedt 1803 geborener Sohn Georg Fein jun. ist in der allgemeinen Politik bekanntgeworden. Er war einer der bekanntesten frühen deutschen Demokraten des Vormärz, also bereits vor der Märzrevolution 1848 national-freiheitlich aktiv und wurde von den regierenden Fürsten verfolgt. Während Fein als Bürgermeister erst dem Herzog von Braunschweig und dann Napoleon Jerome diente, war es bei seinem Nachfolger Johann Philipp August Ferber umgekehrt. Die Ferbers stammten aus Sambleben bei Schöppenstedt. Der Großvater des Helmstedter Bürgermeisters war dort Küster und Lehrer, der Vater hatte in Helmstedt studiert und war Magister geworden, dann Konrektor an der Lateinschule und schließlich Rektor und Professor. Er ging aber schon bald nach Magdeburg und ließ in Helmstedt seine Frau und den am 05.02.1773 geborenen Johann Philipp August F. zurück. Dieser wurde 1797 zunächst ohne Gehalt Aktuarius bei der Stadt Helmstedt, dann schließlich bekam er eine Planstelle, und danach wurde er 1804 Stadtsekretär. Bürgermeister, Maire wie es damals hieß, wurde er 1808 und blieb es auch nach dem Abzug der Franzosen. Jetzt war er wieder Bürgermeister und erhielt später sogar den Titel „Stadtdirektor“. Im 71. Lebensjahr bat Ferber um seine Pensionierung und wurde nach 47 Dienstjahren mit einer Pension von 650 Talern zum 01. Februar 1844 in den Ruhestand versetzt. Am 07. Januar 1853 starb J. P.A. Ferber. Gewohnt hat er bis zuletzt in seiner Dienstwohnung im Rathaus, die aus einer Stube und zwei Kammern bestand. Er war verheiratet, hatte eine Tochter, von ihnen ist aber nichts weiter überliefert. Ferbers charakteristische, nicht leicht lesbare Handschrift begegnet mir auch heute noch in vielen Akten. Das zeugt von dem ungeheuren Fleiß dieses Mannes. Er hat bewegte Zeiten erlebt: die Franzosen, deren Abzug, die erneuerte Land-schaftsordnung vom 25.04.1820, Herzog Karl II., die Revolution von 1830, die neue Land-schaftsordnung vom 06.10.1832 und schließlich auch noch die Städteordnung vom 04.06.1834
Erstmalig wird nach Ferbers Pensionierung ein Bürgermeister vom Magistrat und von der Stadtverordnetenversammlung gewählt. nicht mehr vom Herzog ernannt. Allerdings bedarf die Wahl eines Bürgermeisters der Bestätigung durch den Landesherrn. Gewählt wurde Carl Claus, geboren am 17 02 1913 in Helmstedt. Seine Bltern waren Anfang des Jahrhunderts nach Helmstedt gezogen, der Vater war Pedell beim Kreisgericht, das damals in den Räumen der aufgehobenen Universität war. Dort wuchs der Sohn mit einem Bruder und zwei Schwestern auf. Ar besuchte hier das Gymnasium bis zum Abitur. Geld für ein Studium war offenbar nicht vorhan-den. Der junge Abiturient bewarb sich deshalb und sogar erfolgreich um eine Stelle als Auditor bei der Stadt. Zehn Jahre später wurde er, wie erwähnt, zum Bürgermeister mit einem Jahresgehalt von 600 Talern gewählt. Nun konnte er auch heiraten, am 17. Oktober 1844 fand in der St. Stephani-Kirche die feierliche Eheschließung mit der Tochter des Kaufmanns und Stadtrats E, C. À. Bötticher statt, dessen Nachfahren heute noch in Helmstedt leben. Die Familie Bötticher ist u. a. Inhaberin der Firma Fuhrmann. Am 24. Juli 1845 wurde der Sohn Johann Friedrich geboren, der leider 1851 starb. Bei der Geburt des zweiten Sohnes am 01. März 1848 starb die Ehefrau und kurz danach auch das Kind Beide wurden gemeinsam in einem Sarg auf dem „Alten Friedhof“ begraben. Claus hat nicht wieder geheiratet, seine zwei Jahre jüngere ledige Schwester betreute ihn. Die viele Arbeit als Bürgermeister half ihm über die Trauer hinweg. Noch im Dienst starb er, gerade einmal 61 Jahre alt geworden, am 11. Juni 1874. Nach dem Tod des Bürgermeisters Claus übernahm das ehrenamtliche Magistratsmitglied Louis Löser die Geschäfte der Stadt. Er regelte auch die Wahl des neuen Bürgermeisters. Auf die Ausschreibung bewarben sich vier Juristen, diese Vorbildung war gefordert worden. Gewählt wurde mit 11 von insgesamt 20 Stimmen der 25jährige Polizeiassessor Hartwieg aus Braunschweig. Er war 1849 in Gittelde als Sohn eines Landarztes geboren. Nach dem Abitur hatte er Rechtswissenschaften studiert und war vor seiner Helmstedter Zeit bei der herzoglichen Polizeidirektion beschäftigt gewesen. Der Herzog bestätigte die Wahl und verlieh Hartwieg den Titel „Bürgermeister“. Am 02.10.1874 wurde er vereidigt und in sein Amt eingeführt. Kennern der braunschweigischen Geschichte ist der Name Hartwieg als späterer leitender Minister des Herzogtums bekannt. 1879 verließ er Helmstedt. Der Herzog hatte ihn zum Ministerialse-kretär mit dem Titel eines Regierungsassessors ernannt und ihm aufgegeben, die neue Stelle spätestens am 01.06. anzutreten. Gewohnt hat Hartwieg im Stadthaus für eine jährliche Miete von 300 Thir. Sein Gehalt betrug 1.200 Rthlr. jährlich bei einer Steigerung um 10 Thir. alle drei Jahre bis zur Höchstgrenze von 1.800 Thir. 1914 ist Hartwieg in Braunschweig gestorben. Die Ausschreibung der erneut freigewordenen Bürgermeisterstelle erfolgte im ganzen Reichsgebiet. Es bewarben sich 21 Personen, darunter nur zwei Braunschweiger, die aber nach eingezogenen Erkundigungen zu dem Amt eines Vorstehers des Stadtmagistrats nicht geeignet erschienen. Das mußte dem Herzog ausdrücklich mitgeteilt werden, denn Braunschweiger Waren zu bevorzugen. Gewählt wurde der Bürgermeister von Tarnowitz, Hildebert Guericke, mit 16 gegen eine Stimme. Tarnowitz lag im damaligen Oberschlesien unmittelbar an der Grenze, es hatte viele polnische Einwohner. Dies war auch der Grund, weshalb Guericke sich verändern wollte. Er war 1848 in Halle an der Saale als Sohn eines Professors der Theologie geboren. Seit 1877 war er Bürgermeister von Tarnowitz. Das Gehalt in Helmstedt war geringer: 3.600 Thir. gegenüber dort 4.000. Dennoch nahm er die Wahl an. Mit dem Magdeburger Bürgermeister und Kollegen Otto von Guericke (1602 - 1686) sind unsere Guerickes weitläufig verwandt. In die Zeit der Amtsführung des Bürgermeister Guericke fiel die bereits erwähnte Erweiie-rung der Stadt zum Westen bzw. Nordwesten hin, also die Erbauung der heutigen Unterstadt. Mit dem 01.10.1898 schied Bürgermeister Guericke krankheitshalber aus seinem Amt aus. Die vielen Aufgaben, aber auch, mancherlei Kritik, die er über sich hat ergehen lassen müssen, haben sicherlich an seinen Kräften gezehrt. Er war ein etwas empfindsamer Mensch, der über so manches nicht so leicht hinweggehen konnte und der aber auch nicht immer das richtige Gespür für die eigenen Äußerungen hatte. So beantragte er erstmals unter dem 09.03.1892 seine Pensionierung. Diesem Gesuch wurde nicht entsprochen. - Nach Kuren in Lugano (1894) und Bad Wildungen (1895) wurde ein erneuter Antrag angenommen. Bei einem Abschiedsessen im Stadthaus am Sonntag, dem 25.09.1898, wurde er mit vielen Lobreden verabschiedet. Guericke hat zeitweise in der Wilhelmstraße 14 und später Südstraße 10 gewohnt. - Nach seiner Pensionierung hat er Helmstedt verlassen. Er lebte zunächst in der Nähe von Wernigero-de, später in Wilhelmshaven. Er verstarb am 24.03.1928 in Neuersburg/Oldenburg. Nachfolger wurde einer der acht Juristen, die sich beworben hatten: Franz Schönemann, zuletzt in Holzminden tätig. Er war am 03.09.1868 in Seesen geboren. Verlockend war derzeit das Amt wohl nicht, denn von denen, die sich beworben hatten, waren die meisten Braunschweiger und ansonsten sehr unbekannt. In Schönemanns Amtszeit wurde das neue Rathaus gebaut, er hatte die Schwierigkeiten des Ersten Weltkrieges und die noch größeren im Jahr danach zu be-wältigen. Die an anderer Stelle geschilderten Ereignisse im April 1919 waren wohl auch der Grund, weshalb er sich nicht wieder um das Amt des Bürgermeisters bemühte. Zum 01.10.1919 schied er aus. Das Helmstedter Kreisblatt widmete ihm ein Drittel der lokalen Seite. Es verweist zunächst auf die Bauten zu seiner Zeit: „Um nur einiges aus seiner Tätigkeit herauszugreifen, sei auf das Armenhaus, das Rathaus, das Wasserwerk, Kapelle des Stephani-Friedhofs, die Er-sl-August-Schule, Erweiterung der landwirtschaftlichen Schule, Erweiterung des Krankenhau-ses, Ausbau der Kanalisation und Neubau des Waisenhauses hingewiesen. Es sind dies Arbeiten, die in die Augen springen: unbemerkt von den meisten ist jedoch von Bürgermeister Schönemann eine ganz ungeheure Arbeit in den Mauern des Rathauses geleistet, die nur der zu würdigen versteht, der sie kennt.“ Er war weiter Landtagsabgeordneter in Braunschweig. In dieser Position setzte er seine Kraft ein, um mit viel Geschick das Beste für die Stadt herauszuholen. Er hat für die Stadt, so das Kreisblatt, „große Flächen Grundbesitz in ihrer Hand vereinigt“, um so die Möglichkeit zu schaffen, an der Preisfestsetzung der Grundstücke mitzuwirken und billiges Gelände für städtische Zwecke zur Verfügung zu haben. Wie alle Bürgermeister, so wurde auch Schönemann ein Opfer der „neuen Zeit“, denn die Revolution ließ durch „Gesetz über die Wahlen der Vorsteher und der Mitglieder des Rates in den Städten des Freistaates Braunschweig“ vom 09.08.1919 die Amtszeit aller Bürgermeister und Magistratsmitglieder zum 30.09.1919 enden. So ging Schönemann in den Ruhestand, er wollte, wie bereits erwähnt, für das Amt des Bürgermeisters über den 30.09. hinaus nicht kandi-dieren. Sicherlich wäre er gewählt worden. Er zog auf sein Rittergut nach Rottorf bei Königslut-ler. Dies hatte er sich auch mit dem Vermögen seiner Ehefrau gekauft. Dort starb er am 19.04.1953. Am 01.10.1919 traten nun diejenigen Bürger als Bürgermeister oder als Magistrat ihr Amt in, die von der wahlberechtigten Bürgerschaft, das waren alle männlichen und nun auch weiblichen Personen, die 20 Jahre alt und älter waren, in freier, gleicher, geheimer und direkter Wahl gewählt worden waren. Es war die erste und auch einzige unmittelbare Wahl eines Bürgermeisters durch die Bürger: Insoweit nahm man es mit der Demokratie sehr ernst. Dor Bürgermeister wurde auf sechs, die Stadträte (der Magistrat) auf drei Jahre gewählt. Frü den Bürgermeister war die absolute Mehrheit erforderlich, d. h., er musste mehr also 50 % der gültogen Stimmen haben, bei den Stadträten genügte die einfache Mehrheit, hier galt das System der Verhältniswahl. Durch die Listenwahl hier bei uns in Helmstedt hatte dieses Wahlsystem 1919 noch keine Be- deutung Zu der Wahl am 21.09.1919 kandidierten auf der Liste 1 für das Amt des Bürgermeisters der Stadtsyndikus Dr. Velke und für das des Stadtrats der Fabrikbesitzer Karl Fickendey und der Zigarrenfabrikant Gottfried Schipper, Markt 9. Diese Liste wurde von der SPD, der Deutschen Demokratischen Partei und der Christlichen Volkspartei unterstützt. Die Liste 2 war die der Unabhängigen Sozialisten. Um das Bürgermeisteramt bewarb sich hier der Invalide Wilhelm Herok, Braunschweiger Straße 9, für das Amt des Stadtrats der Schuhmachermeister Bernhard Lange vom Großen Katthagen und der Gastwirt Karl Lehmann vom Holzberg. Gewählt wurde mit 4.327 Stimmen Dr. Velke. Für den Kandidaten der Liste 2 waren 1.313 Stimmen abgegeben worden. Stadträte wurden Fickendey (Gas- und Wasserwerk, Bauwesen, Kanalisation und Lebensmittelversorgung) und Schipper (Fürsorge, Marktwesen, Waisenhaus, Preisprüfungsstelle). Noch einmal durften die Bürger die Stadträte direkt wählen. Das war am 17.09.1922. Es konnten aber nur Listen, nicht Kandidaten angekreuzt werden. Gewählt wurden jetzt vier Stadt-räte. Auf Liste 1, die Bürgerlichen, entfielen 3.595, auf Liste 2, Kommunistische Partei, 866, auf Liste 3, USPD, 1.482 und auf Liste 4, SPD, 939 Stimmen. Stadträte wurden von den Bürgerlichen der Rentner und frühere Malermeister Hermann Stöber und der Studienrat und spätere Oberstudienrektor Otto Kirchhoff, von der USPD der Geschäftsführer Wilhelm Jünke und von der Sozialdemokratischen Partei der Tischler Franz Ha-nisch. Stöber starb am 04.08.1923. Er war mehr als 25 Jahre Stadtverordneter gewesen, lange Zeit davon auch deren Vorsitzender und jetzt leider für nur ein ¾ Jahr Stadtrat. An ihn erinnert die „Hermann-Stöber-Straße“. Er wohnte in Helmstedt Ziegenmarkt 1. Kirchhoff wurde Dezernent für das Wohnungswesen, Hanisch für das Siedlungswesen, Fürsorge und Teile des Wohlfahrtswesens, Jünke für die Lebensmittelversorgung und die Preisprü-fungsstelle und Stöber für das Gas- und Wasserwerk, Bauwesen, Kanalisation, Straßenbeleuchtung und Marktwesen. Nach seinem Tode wurde ab 28.08.1923 der Kaufmann Kurdum, Bötti-cherstraße 14, sein Nachfolger: 1924 erhielt das Land Braunschweig eine neue Städteordnung. Sie hob das bisherige Geselz aus dem Jahre 1892 und das von 1919 auf. Entsprechend dem Bemühen, mehr Demokratie zu wagen, wurden die Rechte der Stadtverordnetenversammlung verstärkt. Das Zweikammersystem der bisherigen Städteordnung wurde abgeschafft. Es galt ohnehin nur für einige besondere städtische Belange. Es hatte darin bestanden, daß in gesetzlich genau festgelegten Fällen Beschlüsse nur in der sogenannten Vereinigten Versammlung, bestehend aus den Stadtverordneten und den Mitgliedern des Magistrats (einschließlich Bürgermeister), gefaßt werden konnten. Beibehalten wurde aber der Magistrat, der jetzt Rat der Stadt hieß. Er war nach wie vor ein Kollegi-um, bestehend aus dem Vorsitzenden, der die Bezeichnung Bürgermeister führte und auf mindestens sechs Jahre zu wählen war, und aus mindestens zwei weiteren Mitgliedern. Die genaue Zahl war durch Ortsgesetz festzusetzen. In Helmstedt waren es vier. Sie trugen die Bezeichnung „Stadtrat“. Es waren wiederum Bürger der Stadt, die unbesoldet als Dezernenten im Dienste der Allgemeinheit tätig waren. Sie wurden jetzt nicht mehr wie 1919 und 1922 von den wahlberechtigten Einwohnern direkt gewählt, sondern nach der neuen Städteordnung von den Stadtverordneten. Sie hatten somit deren Vertrauen und sollten den Einfluß der Bürger bei den unmittelbaren Verwaltungsgeschäften sichern. Besoldete Stadträte, die auch hätten ernannt werden können, hat Helmstedt nie gehabt. Auch der damalige Leiter des Rechtsamtes, der Stadtsyndikus Wendt, war kein gewählter Stadtrat, sondern besoldeter Beamter. Er mußte 1933 offenbar aus politischen Gründen seinen Dienst aufgeben. Er war dann Rechtsanwalt in Helmstedt. 1925 war die Wahlperiode des Stadtrats abgelaufen. Schon am 02.04. wurden von den Stadtverordneten der Studienrat Meinhold Kirchhoff und der Kaufmann Kurdum von der Liste 2, der Tischler Hanisch und der Gewerkschaftssekretär Werner von der Liste 1 zu Stadträten gewählt. Herr Werner verzog im Mai 1926 nach Gladbeck. Für ihn kam der Justizobersekretär Schnelle in den Stadtrat. Die Tätigkeit war nach wie vor ehrenamtlich, die Stadträte erhielten noch nicht einmal die Aufwandsentschädigung der Stadtverordneten, denen monatlich 30 Mark zustanden. - Bei der nächsten Wahl am 17.03.1928 kamen der Oberstudienrat Otto Kirchhoff, damals Moltkestraße 14 (heute Gustav-Steinbrecher-Straße), der Tischler Fr. Hanisch, Braunschweiger Tor 20, der Justizobersekretär Schnelle, Goethestraße 36, und der Rentner Hermann Deppold, Walbecker Straße 27, in den Magistrat der Stadt. Inzwischen gab es für diese zeitraubende Arbeit monatlich 30 Mark. Herr Hanisch schied altershalber Anfang 1930 aus. Nachfolger wurde der Tischlermeister Heinrich Kühne, Braunschweiger Straße 18. Für Herrn Schnelle, der im Mai 1930 sein Amt niederlegte, rückte der Gewerkschaftsangestellte Paul Beccard, Trift-weg 22, nach. - Am 12.03.1931 wurden durch Wahl der Oberstudienrat O. Kirchhoff, der Kaufmann Hans Henneke, Bahnhofstraße 12 (heute Magdeburger Straße), Franz Baumgart und Paul Beccard Stadträte. Inzwischen gab es mit dem 30. Januar 1933 die sog. Machtübernahme durch Hitler, ein nicht nur für Deutschland verhängnisvolles Ereignis. Während am 03.03.1933 laut Mitteilung im „Kreisblatt“ Herr Henneke aus beruflichen Gründen sein Amt niederlegte - für ihn kam der Fabrikbesitzer Hugo Siebler -, findet sich unter dem 28.03.1933 die Notiz: „Die Herren Stadträte Beccard und Baumgart sind im Interesse des Dienstes beurlaubt. Beiden ist mündlich Kenntnis gegeben.“ Zwei Tage später verzichteten sie auf dieses Ehrenamt. Der Grund ist an anderer Stelle erörtert worden. Auch Otto Kirchhoff verzich-tete. Durch das Gesetz über die Neubildung des Landtages, der Kreistage und der Stadtverordnetenversammlungen vom 04.03.1933 wurde das Stadtparlament neu zusammengestellt. Wahlvorschläge hatten nur noch die NSDAP und der Kampfblock „Schwarz-Weiß-Rot“ der Deutschen Volkspartei gemacht. Die Deutsche Zentrumspartei hatte ihren Vorschlag zurückgezogen. Die anderen Parteien hatte man gewaltsam von der politischen Willensbildung ausgeschlossen. Nach dem Verhältnis der diesen beiden Wahlvorschlägen bei der am 05.03.1933 vorgenommenen Reichstagswahl zugefallenen Stimmen entfielen im Stadtparlament auf die NSDAP 14 Sitze und auf den Kampfblock drei. Es wählte auch die Stadträte neu: die Herren Schünemann, Denecke, Most und Schlimme. Beruhte die Zusammensetzung der Stadtverordneten schon auf keiner Wahl, so wurden in Zukunft ausscheidende Stadträte und Verordnete durch Entscheidung des Bürgermeisters einfach ergänzt. Bürgermeister Dr. Velke, der im Sommer 1925 für die Dauer von 12 Jahren erneut gewählt worden war - diese Wahl war wegen der neuen Städteordnung erforderlich geworden -, reichte im Oktober 1933 aus „dienstlichen Erwägungen“ ein Gesuch um Versetzung in den Ruhestand ein. In der ersten Stadtverordnetenversammlung nach der „Machtübernahme“ vom Januar 1933 am 27.04.1933 hatte sich Dr. Velke in einer Erklärung noch voll hinter die nationale Regierung Bestellt. Dem Bericht des Kreisblattes nach erklärte er oder mußte er dazu erklären, daß ihm nunmehr Gelegenheit gegeben sei, nur mit Männern der Tat und Männern nationalen Gesetzes zusammenzuarbeiten, deren politisch-wirtschaftliches Programm Gewähr dafür bietet, daß ein Wendepunkt in der Kommunalverwaltung und damit in der Geschichte der Stadt eintrete. Gchol-fen hat es ihm nichts, er sei, wie sich in der Sitzung vom 17.10.1933 anläßlich der Beratung über das Entlassungsgesuch ein Stadtverordneter ausdrückte, weder rechts noch links, weder beim „Stahlhelm“ noch beim „Reichsbanner“, und eine klare Haltung sei bei diesem Man in keiner Form hervorgetreten. Einer der vier Stadträte sprach weiter davon, daß sich ein gedeihliches Zusammenarbeiten des Rates der Stadt mit Dr. Velke in der Zeit nach der nationalsozialistischen Revolution als nicht möglich erwiesen habe. So habe er, als man übereingekommen sei, den Stadtsvndikus Wendt im Wege eines Verfahrens aus dem städtischen Dienst zu entlassen, jenem trotzdem ein Zeugnis ausgestellt und darin dessen Eignung und Befähigung während seiner Dienstzeit im schönsten Lichte erscheinen lassen. Ein anderer Stadtrat argumentierte, daß mit der Entlassung des Dr. Velke der Liberalismus aus dem Rathaus endgültig verschwinden werde. Das stimmte sicherlich und wurde damals positiv gesehen. Dem Gesuch des Bürgermeisters um Versetzung in den Ruhestand wurde einstimmig stattge-geben. Er wurde bei einer jährlichen Pension von damals 8.204,88 Reichsmark einschließlich 960 Reichsmark Kinderzulage in den Ruhestand versetzt. Dr. Velke blieb in Helmstedt. Aus seiner Wohnung Roonstraße2) 1 (heute Dr.-Heinrich-Jasper-Straße) zog er um in die Parkstraße 2 und eröffnete dort eine Rechtsanwaltspraxis. Am 27.11.1952 starb er in Querenhorst während einer Jagd an einem Herzschlag. Dr. Velke stammte aus Velpke (er war dort am 09.12.1883 als Sohn eines Steinbruchbesitzers geboren). - Die Geschäfte des Bürgermeisters führten jetzt bis zum Januar 1935 die vier Stadträte, insbesondere der Zahnarzt Paul Denecke vom Kleinen Wall 19. Dann kam Bürgermeister Kurt Drechsler. Den Mitgliedern des Helmstedter Rates sind einige der hier gewürdigten Persönlichkeiten bei jeder Sitzung gegenwärtig. Sie sind in Porträts abgebildet in den Buntfenstern unseres Sit-zungssaals. Es sind dies von links nach rechts [[Johann Dietrich Lichtenstein]], Adolf Hartwieg, Hildebert Guericke und Franz Schönemann.
2) Roon, Albrecht Theodor Emil, Graf von (1803- 1879) war preußischer Generalfeldmarschall, Kriegsminister und ab 1873 Ministerpräsident
-->
== Helmstedter Begräbnisplätze (S. 547–554) ==
== Helmstedter Begräbnisplätze (S. 547–554) ==
Wenn in diesem Buch versucht wird, das Leben der [[Helmstedt]]er in den vergangenen Jahrhunderten zu beschreiben, so sollen die Plätze nicht unerwähnt bleiben, an denen jeder, der hier gelebt hat, nach einem oft mühevollen Dasein seine letzte Ruhe gefunden hat.
Wenn in diesem Buch versucht wird, das Leben der [[Helmstedt]]er in den vergangenen Jahrhunderten zu beschreiben, so sollen die Plätze nicht unerwähnt bleiben, an denen jeder, der hier gelebt hat, nach einem oft mühevollen Dasein seine letzte Ruhe gefunden hat.
Zeile 41: Zeile 58:
Eine dieser Stellen, wahrscheinlich die am [[Lappenberg]], war bis [[1484]] der [[Jüdische Friedhöfe in Helmstedt|Judenfriedhof]] gewesen. Er schied aus, denn „so hat es etwas Bedenkliches, einen Judenkirchhof für christliche Leichen zu nehmen“. Daß die Juden auch früher schon ihren Friedhof als „ewig“ angelegt hatten, störte offenbar nicht. Übrig blieb nach weiterer Prüfung der ca. zwei Morgen große Platz am [[Alter Friedhof|Tanzbleek]]. Den bisherigen [[Großer Kirchhof|Kirchhof]] um [[St. Stephani (Helmstedt)|St. Stephani]] wollte man planieren und dann mit Maulbeerbäumen bepflanzen. Die Blätter dieser Büsche sollten die wirtschaftliche Grundlage der vom Herzog gerade in jenen Jahren empfohlenen Seidenraupenzucht werden.
Eine dieser Stellen, wahrscheinlich die am [[Lappenberg]], war bis [[1484]] der [[Jüdische Friedhöfe in Helmstedt|Judenfriedhof]] gewesen. Er schied aus, denn „so hat es etwas Bedenkliches, einen Judenkirchhof für christliche Leichen zu nehmen“. Daß die Juden auch früher schon ihren Friedhof als „ewig“ angelegt hatten, störte offenbar nicht. Übrig blieb nach weiterer Prüfung der ca. zwei Morgen große Platz am [[Alter Friedhof|Tanzbleek]]. Den bisherigen [[Großer Kirchhof|Kirchhof]] um [[St. Stephani (Helmstedt)|St. Stephani]] wollte man planieren und dann mit Maulbeerbäumen bepflanzen. Die Blätter dieser Büsche sollten die wirtschaftliche Grundlage der vom Herzog gerade in jenen Jahren empfohlenen Seidenraupenzucht werden.


Aber auch gegen die Wahl des [[Alter Friedhof|Tanzbleek]]s als Friedhof gab es Bedenken. Einmal würde der Wind aus dem Westen die Dünste in die Stadt hineintragen, zum anderen sei unter diesem Platz Braunkohle, die für das Schöninger Salzwerk benötigt werde. Schließlich müsse in jedem Fall eine Mauer um diesen Platz gezogen werden, was zusätzliche Kosten verursache, denn das Vieh würde gern die toten Körper aus der Erde wühlen bzw., dies trug Bürgermeister [[Johann Joachim Dietrich Lichtenstein|Lichtenstein]] [[1754]] aus Göttinger Erfahrung bei, sei eine Mauer deshalb nötig, „schon damit die Studiosi Medicini nicht die Cadavera ausgraben“, um dann an den Körpern die Anatomie studieren zu können.
Aber auch gegen die Wahl des [[Alter Friedhof|Tanzbleek]]s als Friedhof gab es Bedenken. Einmal würde der Wind aus dem Westen die Dünste in die Stadt hineintragen, zum anderen sei unter diesem Platz Braunkohle, die für das Schöninger Salzwerk benötigt werde. Schließlich müsse in jedem Fall eine Mauer um diesen Platz gezogen werden, was zusätzliche Kosten verursache, denn das Vieh würde gern die toten Körper aus der Erde wühlen bzw., dies trug Bürgermeister [[Johann Dietrich Lichtenstein|Lichtenstein]] [[1754]] aus Göttinger Erfahrung bei, sei eine Mauer deshalb nötig, „schon damit die Studiosi Medicini nicht die Cadavera ausgraben“, um dann an den Körpern die Anatomie studieren zu können.


Weil man sich nicht einigen konnte, blieb es dabei, die Plätze vor den beiden Kirchen [[St. Stephani (Helmstedt)|St. Stephani]] und [[St. Walpurgis (Helmstedt)|St. Walpurgis]] weiterhin als Begräbnisstätten zu nutzen. Den Bürgern war es sicherlich recht, hatten sie doch ihre toten Angehörigen weiterhin in unmittelbarer Nähe und harrten diese der Auferstehung im räumlichen und im sakralen Bereich der Kirche. Dennoch wurde [[1758]] schon von dem neuen Kirchhof auf dem [[Alter Friedhof|Tanzbleek]] gesprochen. Es sollte aber noch genau 60 lahre dauern, bis er zum ersten Male benutzt wurde und der bisherige [[St. Stephani (Helmstedt)|Stephani]]- und auch der [[St. Walpurgis (Helmstedt)|Walpurgis]]-Kirchhof geschlossen wurden.
Weil man sich nicht einigen konnte, blieb es dabei, die Plätze vor den beiden Kirchen [[St. Stephani (Helmstedt)|St. Stephani]] und [[St. Walpurgis (Helmstedt)|St. Walpurgis]] weiterhin als Begräbnisstätten zu nutzen. Den Bürgern war es sicherlich recht, hatten sie doch ihre toten Angehörigen weiterhin in unmittelbarer Nähe und harrten diese der Auferstehung im räumlichen und im sakralen Bereich der Kirche. Dennoch wurde [[1758]] schon von dem neuen Kirchhof auf dem [[Alter Friedhof|Tanzbleek]] gesprochen. Es sollte aber noch genau 60 lahre dauern, bis er zum ersten Male benutzt wurde und der bisherige [[St. Stephani (Helmstedt)|Stephani]]- und auch der [[St. Walpurgis (Helmstedt)|Walpurgis]]-Kirchhof geschlossen wurden.
Zeile 63: Zeile 80:
Die Kosten einer Beerdigung betrugen laut einer Aufstellung von [[1839]] in der ersten Klasse ca. 70 bis 80 Taler einschließlich Sarg, in der zweiten 40 bis 50, in der dritten 20 bis 30 und in der vierten 10 bis 15. Wahrscheinlich entfiel bei den beiden letzten Klassen der Sarg, deshalb auch die Befürchtung, Tiere würden den Leichnam aus der Erde wühlen. In der Vorstadt [[Neumark (Stadtviertel)|Neumark]] waren die Kosten allerdings geringer, bei den Katholiken waren sie ganz unbedeutend. Sie bestanden dort hauptsächlich aus der Bewirtung der Träger. Träger waren Freunde, Bekannte, Nachbarn, bei verstorbenen Handwerksgesellen waren es stets die Nebengesellen.
Die Kosten einer Beerdigung betrugen laut einer Aufstellung von [[1839]] in der ersten Klasse ca. 70 bis 80 Taler einschließlich Sarg, in der zweiten 40 bis 50, in der dritten 20 bis 30 und in der vierten 10 bis 15. Wahrscheinlich entfiel bei den beiden letzten Klassen der Sarg, deshalb auch die Befürchtung, Tiere würden den Leichnam aus der Erde wühlen. In der Vorstadt [[Neumark (Stadtviertel)|Neumark]] waren die Kosten allerdings geringer, bei den Katholiken waren sie ganz unbedeutend. Sie bestanden dort hauptsächlich aus der Bewirtung der Träger. Träger waren Freunde, Bekannte, Nachbarn, bei verstorbenen Handwerksgesellen waren es stets die Nebengesellen.


Am 2. Juli [[1818]] fand auf dem neuen Friedhof (unserem heutigen „[[Alter Friedhof|Alten Friedhof]]" an der [[Gustav-Steinbrecher-Straße]] in der Nähe der [[Lademann-Realschule]]) die erste Beerdigung statt<ref name="Friedhof und Bestattung in Helmstedt">{{Literatur |Autor=Rudolf Kleinert |Titel=Friedhof und Bestattung in Helmstedt |Ort=Helmstedt |Datum=1976 |ISBN= |Seiten=5 }}</ref>.
Am 2. Juli [[1818]] fand auf dem neuen Friedhof (unserem heutigen „[[Alter Friedhof|Alten Friedhof]]an der [[Gustav-Steinbrecher-Straße]] in der Nähe der [[Lademann-Realschule]]) die erste Beerdigung statt<ref name="Friedhof und Bestattung in Helmstedt">{{Literatur |Autor=Rudolf Kleinert |Titel=Friedhof und Bestattung in Helmstedt |Ort=Helmstedt |Datum=1976 |ISBN= |Seiten=5 }}</ref>.


Mitte des vergangenen Jahrhunderts war dieser Platz leider schon wieder zu klein geworden. Er wurde [[1848]] zwar um vier Gartengrundstücke erweitert, aber [[1872]] wandte sich der Bürgerverein an den Magistrat und beantragte dringend eine Erweiterung des Platzes auf dem [[Alter Friedhof|Tanzbleek]]. Der lehnte ab, da dies wegen der Lage und der unregelmäßigen Form nicht zweckmäßig sei. Beabsichtigt sei jedoch, einen Teil eines 60 Morgen großen und zum [[Kloster St. Ludgeri|Kloster Ludgeri]] gehörenden Grundstücks an der [[Magdeburger Straße]] hinter der sogenannten [[Gennertsche Zuckerraffinerie|Gennertschen Zuckerraffinerie]] zu erwerben. Dies geschah dann schon [[1872]]/[[1873]]. Es wurden 10 Morgen angekauft. Am 9. September [[1872]] fand dort, auf unserem heutigen [[Kirchengemeinde_Georg_Calixt_Helmstedt#St._Stephani_2|Stephani-Friedhof]], die erste Beisetzung statt. Der [[Alter Friedhof|alte Friedhof]] wurde um die Jahrhundertwende Park.
Mitte des vergangenen Jahrhunderts war dieser Platz leider schon wieder zu klein geworden. Er wurde [[1848]] zwar um vier Gartengrundstücke erweitert, aber [[1872]] wandte sich der Bürgerverein an den Magistrat und beantragte dringend eine Erweiterung des Platzes auf dem [[Alter Friedhof|Tanzbleek]]. Der lehnte ab, da dies wegen der Lage und der unregelmäßigen Form nicht zweckmäßig sei. Beabsichtigt sei jedoch, einen Teil eines 60 Morgen großen und zum [[Kloster St. Ludgeri|Kloster Ludgeri]] gehörenden Grundstücks an der [[Magdeburger Straße]] hinter der sogenannten [[Gennertsche Zuckerraffinerie|Gennertschen Zuckerraffinerie]] zu erwerben. Dies geschah dann schon [[1872]]/[[1873]]. Es wurden 10 Morgen angekauft. Am 9. September [[1872]] fand dort, auf unserem heutigen [[Kirchengemeinde_Georg_Calixt_Helmstedt#St._Stephani_2|Stephani-Friedhof]], die erste Beisetzung statt. Der [[Alter Friedhof|alte Friedhof]] wurde um die Jahrhundertwende Park.
Zeile 97: Zeile 114:
Dagegen sind von unserem „[[Alter Friedhof|Alten Friedhof]]“ an der [[Gustav-Steinbrecher-Straße]] sämtliche Grabmonumente verschwunden. Noch im letzten Weltkrieg erinnerte mancher Stein an die eigentliche Nutzung dieser Anlage. Mit dem Einzug der Amerikaner wurde der „[[Alter Friedhof|Alte Friedhof]]“ Abstell- und Übungsplatz für Panzer und Lkw. Er wurde uns in einem verwüsteten Zustand zurückgegeben. Seitdem gibt es dort keine Erinnerung mehr an die Toten des vorigen Jahrhunderts.
Dagegen sind von unserem „[[Alter Friedhof|Alten Friedhof]]“ an der [[Gustav-Steinbrecher-Straße]] sämtliche Grabmonumente verschwunden. Noch im letzten Weltkrieg erinnerte mancher Stein an die eigentliche Nutzung dieser Anlage. Mit dem Einzug der Amerikaner wurde der „[[Alter Friedhof|Alte Friedhof]]“ Abstell- und Übungsplatz für Panzer und Lkw. Er wurde uns in einem verwüsteten Zustand zurückgegeben. Seitdem gibt es dort keine Erinnerung mehr an die Toten des vorigen Jahrhunderts.


[[1871]] war der Friedhof um die [[St. Marienberg (Helmstedt)|Marienberger Kirche]] nahezu belegt, obwohl man ihn [[1847]] noch einmal hatte erweitern können. Es kam [[1872]] zu einem Ankauf von zwei Morgen Land am [[Pastorenweg]] „Auf der Klappe". [[1873]] gab es dort die erste Beerdigung, auch die erste Leichenhalle wurde in jenem Jahr für 215 Taler errichtet. [[1896]] kaufte die Stadt weitere vier Morgen, nunmehr rechts vom [[Pastorenweg]] an, obwohl Probebohrungen ergeben hatten, dass in den Gruben Wasser stand. [[1929]] hatte die alte Friedhofskapelle ausgedient, eine neue und heute noch bestehende wurde gebaut<ref>{{Literatur |Autor=Rudolf Kleinert |Titel=Friedhof und Bestattung in Helmstedt |Ort=Helmstedt |Datum=1976 |ISBN= |Seiten=11–12 }}</ref>).
[[1871]] war der Friedhof um die [[St. Marienberg (Helmstedt)|Marienberger Kirche]] nahezu belegt, obwohl man ihn [[1847]] noch einmal hatte erweitern können. Es kam [[1872]] zu einem Ankauf von zwei Morgen Land am [[Pastorenweg]] „Auf der Klappe“. [[1873]] gab es dort die erste Beerdigung, auch die erste Leichenhalle wurde in jenem Jahr für 215 Taler errichtet. [[1896]] kaufte die Stadt weitere vier Morgen, nunmehr rechts vom [[Pastorenweg]] an, obwohl Probebohrungen ergeben hatten, dass in den Gruben Wasser stand. [[1929]] hatte die alte Friedhofskapelle ausgedient, eine neue und heute noch bestehende wurde gebaut<ref>{{Literatur |Autor=Rudolf Kleinert |Titel=Friedhof und Bestattung in Helmstedt |Ort=Helmstedt |Datum=1976 |ISBN= |Seiten=11–12 }}</ref>).


Der Friedhof der katholischen [[Pfarrgemeinde St. Ludgeri|St.-Ludgeri-Gemeinde]] befand sich ebenfalls unmittelbar an der Kirche. Hier wurde bis [[1838]] beerdigt. Damals zählte die Gemeinde etwa 250 Seelen, heute sind es 4.000. Dann wich man auf ein Gartengrundstück Ecke [[Magdeburger Tor]]/[[Harbker Weg]] aus. Am 20. Mai [[1838]] war dort die erste Beerdigung. [[1888]] war dieser Friedhof nahezu belegt. Zunächst beabsichtigte man deshalb, das Gelände zwischen dem [[Magdeburger Tor]] und dem [[Tangermühlenweg]] gegenüber dem heutigen [[Arbeitsamt Helmstedt|Arbeitsamt]] anzukaufen. Schließlich entschied man sich für ein Gelände unmittelbar am Stephani-Friedhof. Der katholischen Kirchengemeinde wurde deshalb eine Fläche von einem Morgen dort überlassen, wo sich heute noch ihr Friedhof befindet. Auf der alten Stätte am [[Harbker Weg]] befindet sich heute ein katholischer Kindergarten.
Der Friedhof der katholischen [[Pfarrgemeinde St. Ludgeri|St.-Ludgeri-Gemeinde]] befand sich ebenfalls unmittelbar an der Kirche. Hier wurde bis [[1838]] beerdigt. Damals zählte die Gemeinde etwa 250 Seelen, heute sind es 4.000. Dann wich man auf ein Gartengrundstück Ecke [[Magdeburger Tor]]/[[Harbker Weg]] aus. Am 20. Mai [[1838]] war dort die erste Beerdigung. [[1888]] war dieser Friedhof nahezu belegt. Zunächst beabsichtigte man deshalb, das Gelände zwischen dem [[Magdeburger Tor]] und dem [[Tangermühlenweg]] gegenüber dem heutigen [[Arbeitsamt Helmstedt|Arbeitsamt]] anzukaufen. Schließlich entschied man sich für ein Gelände unmittelbar am Stephani-Friedhof. Der katholischen Kirchengemeinde wurde deshalb eine Fläche von einem Morgen dort überlassen, wo sich heute noch ihr Friedhof befindet. Auf der alten Stätte am [[Harbker Weg]] befindet sich heute ein katholischer Kindergarten.
Zeile 121: Zeile 138:
Auch um die [[St. Walpurgis (Helmstedt)|Walpurgiskirche]] herum wurde beerdigt. Nach Paul Jonas Meier besaß die Kirche die Taufgerechtigkeit „trotz des in ihr befindlichen Taufsteins nicht, dagegen besaß sie noch im XVIII. Jahrh. Begräbnisrecht“<ref>{{Literatur |Autor=Paul Jonas Meier |Titel=Die Bau- und Kunstdenkmäler des Landkreises Helmstedt |Ort=Wolfenbüttel |Datum=1896 |ISBN= |Seiten=75 }}</ref>). Äußerlich erkennbar ist dies durch den großen Grasplatz um die [[St. Walpurgis (Helmstedt)|Kirche]] herum und durch den an der Außenwand (zur [[Walpurgisstraße]] hin) angebrachten Grabstein der Marie Catharine Cherubim geb. Calixt, gestorben am 18. Dezember [[1706]], Ehefrau des Zweiten Bürgermeisters Martin Albert Cherubim. Vor diesem Epitaph liegen weiter zwei Steinsärge bzw. deren Abdeckungen.
Auch um die [[St. Walpurgis (Helmstedt)|Walpurgiskirche]] herum wurde beerdigt. Nach Paul Jonas Meier besaß die Kirche die Taufgerechtigkeit „trotz des in ihr befindlichen Taufsteins nicht, dagegen besaß sie noch im XVIII. Jahrh. Begräbnisrecht“<ref>{{Literatur |Autor=Paul Jonas Meier |Titel=Die Bau- und Kunstdenkmäler des Landkreises Helmstedt |Ort=Wolfenbüttel |Datum=1896 |ISBN= |Seiten=75 }}</ref>). Äußerlich erkennbar ist dies durch den großen Grasplatz um die [[St. Walpurgis (Helmstedt)|Kirche]] herum und durch den an der Außenwand (zur [[Walpurgisstraße]] hin) angebrachten Grabstein der Marie Catharine Cherubim geb. Calixt, gestorben am 18. Dezember [[1706]], Ehefrau des Zweiten Bürgermeisters Martin Albert Cherubim. Vor diesem Epitaph liegen weiter zwei Steinsärge bzw. deren Abdeckungen.


Aber auch innerhalb der [[St. Walpurgis (Helmstedt)|Kirche]] befinden sich Gräber. [[Robert Schaper]] hat in einer privaten Aufzeichnung allein 28 aufgelistet. Nicht dort, aber auf dem eigentlichen Kirchhof kam auch mancher zur letzten Ruhe, der unverschuldet tödliches Opfer einer strafbaren Handlung geworden war. So wurde am 1. Mai [[1636]] Christoph Müller auf dem Walpurgis-Kirchhof begraben. Ihn hatten, es war im Dreißigjährigen Krieg, „zwei Soldaten gehauen und gestochen, das er also bald tot bleiben und folgend dienstags am 3. Mai auf St. Walpurgis Kirchof begraben“ (so das Kirchenbuch). Am 9. Februar [[1644]] wurde dort ein Henning auf dem [[Löwenbleek]] in der [[Neumark (Stadtviertel)|Neumark]] (heute [[Braunschweiger Straße]] 32, Herberge zur Heimat) so auf den Kopf geschlagen, dass er tödlich verletzt wurde. Wenige Wochen später wurde vor dem „[[Lüdersches Thor|Lüderschen Thor]]" ([[Ludgeritor]]) Henning Kiene erschlagen und ebenfalls auf St. Walpurgis bestattet. Ein Jahr später war es jemand, der sich „bei dem brauen im heißen Wasser verbrannt“ hatte. Am 25. Februar [[1654]] wurde ein Kind begraben „bei den alten Fleischscharren, des morgens, funden worden, ist gewesen, eben als es vom Mutterleibe kommen, … von der Rabenmutter hat man nichts erfahren können.“ [[1657]] brachte eine Mutter ihr nichteheliches Kind dadurch um, dass sie „dem Kinde mit dem Daumen die Kehle eingedrückt“. Die Mutter wurde im [[Sternberger Teich|Nordertorteich]] ersäuft und danach anatomiert, das Kind auf St.-Walpurgis beerdigt.
Aber auch innerhalb der [[St. Walpurgis (Helmstedt)|Kirche]] befinden sich Gräber. [[Robert Schaper]] hat in einer privaten Aufzeichnung allein 28 aufgelistet. Nicht dort, aber auf dem eigentlichen Kirchhof kam auch mancher zur letzten Ruhe, der unverschuldet tödliches Opfer einer strafbaren Handlung geworden war. So wurde am 1. Mai [[1636]] Christoph Müller auf dem Walpurgis-Kirchhof begraben. Ihn hatten, es war im Dreißigjährigen Krieg, „zwei Soldaten gehauen und gestochen, das er also bald tot bleiben und folgend dienstags am 3. Mai auf St. Walpurgis Kirchof begraben“ (so das Kirchenbuch). Am 9. Februar [[1644]] wurde dort ein Henning auf dem [[Löwenbleek]] in der [[Neumark (Stadtviertel)|Neumark]] (heute [[Braunschweiger Straße]] 32, Herberge zur Heimat) so auf den Kopf geschlagen, dass er tödlich verletzt wurde. Wenige Wochen später wurde vor dem „[[Lüdersches Thor|Lüderschen Thor]]([[Ludgeritor]]) Henning Kiene erschlagen und ebenfalls auf St. Walpurgis bestattet. Ein Jahr später war es jemand, der sich „bei dem brauen im heißen Wasser verbrannt“ hatte. Am 25. Februar [[1654]] wurde ein Kind begraben „bei den alten Fleischscharren, des morgens, funden worden, ist gewesen, eben als es vom Mutterleibe kommen, … von der Rabenmutter hat man nichts erfahren können.“ [[1657]] brachte eine Mutter ihr nichteheliches Kind dadurch um, dass sie „dem Kinde mit dem Daumen die Kehle eingedrückt“. Die Mutter wurde im [[Sternberger Teich|Nordertorteich]] ersäuft und danach anatomiert, das Kind auf St.-Walpurgis beerdigt.


Auch Selbstmörder fanden dort ihre letzte Ruhe, so die Dienstmagd Margaretha. Sie war am 17. Oktober [[1674]] um 5:00 Uhr morgens in einen Brunnen gesprungen und hatte sich so das Leben genommen. Ihre letzte Ruhe fand sie auf Walpurgis „wobei ein wenig geläutet und gesungen wurde, (aber ohne Beisein eines Predigers)“. „Sine lux sine crux“ (ohne Licht, also bei Dunkelheit, oder ohne Kerzen, ohne Kreuz) wurde am 5. Februar [[1652]] G. Beseken, Verwalter des Klosters „Unserer Lieben Frauen auf dem Berge“ (Marienberg) „bei der Feldvogtei, außerhalb des Kirchhofes an der Mauer“ beerdigt. Er hatte sich vier Tage vorher in seiner Kammer erschossen. Die Feldvogtei war im Hause [[Braunschweiger Tor]] Nr. 4. Es zeigt heute noch über dem Eingang mit dem Pferd das sogenannte kleine herzoglich braunschweigische Wappen des Fürstentums (siehe dazu das Kapitel „[[Helmstedt – die Geschichte einer deutschen Stadt#Das Helmstedter Stadtwappen (S. 99–100)|Das Helmstedter Stadtwappen]]“).
Auch Selbstmörder fanden dort ihre letzte Ruhe, so die Dienstmagd Margaretha. Sie war am 17. Oktober [[1674]] um 5:00 Uhr morgens in einen Brunnen gesprungen und hatte sich so das Leben genommen. Ihre letzte Ruhe fand sie auf Walpurgis „wobei ein wenig geläutet und gesungen wurde, (aber ohne Beisein eines Predigers)“. „Sine lux sine crux“ (ohne Licht, also bei Dunkelheit, oder ohne Kerzen, ohne Kreuz) wurde am 5. Februar [[1652]] G. Beseken, Verwalter des Klosters „Unserer Lieben Frauen auf dem Berge“ (Marienberg) „bei der Feldvogtei, außerhalb des Kirchhofes an der Mauer“ beerdigt. Er hatte sich vier Tage vorher in seiner Kammer erschossen. Die Feldvogtei war im Hause [[Braunschweiger Tor]] Nr. 4. Es zeigt heute noch über dem Eingang mit dem Pferd das sogenannte kleine herzoglich braunschweigische Wappen des Fürstentums (siehe dazu das Kapitel „[[Helmstedt – die Geschichte einer deutschen Stadt#Das Helmstedter Stadtwappen (S. 99–100)|Das Helmstedter Stadtwappen]]“).