Helmstedt – die Geschichte einer deutschen Stadt: Unterschied zwischen den Versionen
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[[Otto Kirchhoff|Kirchhoff]] wurde Dezernent für das Wohnungswesen, [[Franz Hanisch|Hanisch]] für das Siedlungswesen, Fürsorge und Teile des Wohlfahrtswesens, [[Wilhelm Jünke|Jünke]] für die Lebensmittelversorgung und die Preisprüfungsstelle und [[Hermann Stöber|Stöber]] für das Gas- und Wasserwerk, Bauwesen, Kanalisation, Straßenbeleuchtung und Marktwesen. Nach seinem Tode wurde ab 28. August [[1923]] der Kaufmann Kurdum, [[Bötticherstraße]] 14, sein Nachfolger. | [[Otto Kirchhoff|Kirchhoff]] wurde Dezernent für das Wohnungswesen, [[Franz Hanisch|Hanisch]] für das Siedlungswesen, Fürsorge und Teile des Wohlfahrtswesens, [[Wilhelm Jünke|Jünke]] für die Lebensmittelversorgung und die Preisprüfungsstelle und [[Hermann Stöber|Stöber]] für das Gas- und Wasserwerk, Bauwesen, Kanalisation, Straßenbeleuchtung und Marktwesen. Nach seinem Tode wurde ab 28. August [[1923]] der Kaufmann Kurdum, [[Bötticherstraße]] 14, sein Nachfolger. | ||
[[1924]] erhielt das Land Braunschweig eine neue Städteordnung. Sie hob das bisherige Geselz aus dem Jahre [[1892]] und das von [[1919]] auf. Entsprechend dem Bemühen, mehr Demokratie zu wagen, wurden die Rechte der Stadtverordnetenversammlung verstärkt. Das Zweikammersystem der bisherigen Städteordnung wurde abgeschafft. Es galt ohnehin nur für einige besondere städtische Belange. Es hatte darin bestanden, dass in gesetzlich genau festgelegten Fällen Beschlüsse nur in der sogenannten Vereinigten Versammlung, bestehend aus den Stadtverordneten und den Mitgliedern des Magistrats (einschließlich Bürgermeister), gefasst werden konnten. Beibehalten wurde aber der Magistrat, der jetzt Rat der Stadt hieß. Er war nach wie vor ein Kollegium, bestehend aus dem Vorsitzenden, der die Bezeichnung Bürgermeister führte und auf mindestens sechs Jahre zu wählen war, und aus mindestens zwei weiteren Mitgliedern. Die genaue Zahl war durch Ortsgesetz festzusetzen. In [[Helmstedt]] waren es vier. Sie trugen die Bezeichnung „Stadtrat“. Es waren wiederum Bürger der Stadt, die unbesoldet als Dezernenten im Dienste der Allgemeinheit tätig waren. Sie wurden jetzt nicht mehr wie [[1919]] und [[1922]] von den wahlberechtigten Einwohnern direkt gewählt, sondern nach der neuen Städteordnung von den Stadtverordneten. Sie hatten somit deren Vertrauen und sollten den Einfluss der Bürger bei den unmittelbaren Verwaltungsgeschäften sichern. Besoldete Stadträte, die auch hätten ernannt werden können, hat [[Helmstedt]] nie gehabt. Auch der damalige Leiter des Rechtsamtes, der Stadtsyndikus Wendt, war kein gewählter Stadtrat, sondern besoldeter Beamter. Er musste [[1933]] offenbar aus politischen Gründen seinen Dienst aufgeben. Er war dann Rechtsanwalt in [[Helmstedt]]. | |||
[[1925]] war die Wahlperiode des Stadtrats abgelaufen. Schon am 2. April wurden von den Stadtverordneten der Studienrat [[Meinhold Kirchhoff]] und der Kaufmann Kurdum von der Liste 2, der Tischler [[Franz Hanisch|Hanisch]] und der Gewerkschaftssekretär Werner von der Liste 1 zu Stadträten gewählt. | |||
Herr Werner verzog im Mai [[1926]] nach Gladbeck. Für ihn kam der Justizobersekretär Schnelle in den Stadtrat. Die Tätigkeit war nach wie vor ehrenamtlich, die Stadträte erhielten noch nicht einmal die Aufwandsentschädigung der Stadtverordneten, denen monatlich 30 Mark zustanden. Bei der nächsten Wahl am 17. März [[1928]] kamen der Oberstudienrat [[Otto Kirchhoff]], damals [[Moltkestraße]] 14 (heute [[Gustav-Steinbrecher-Straße]]), der Tischler [[Franz Hanisch|Fr. Hanisch]], [[Braunschweiger Tor]] 20, der Justizobersekretär Schnelle, [[Goethestraße]] 36, und der Rentner [[Hermann Deppold]], [[Walbecker Straße]] 27, in den Magistrat der Stadt. Inzwischen gab es für diese zeitraubende Arbeit monatlich 30 Mark. Herr [[Franz Hanisch|Hanisch]] schied altershalber Anfang [[1930]] aus. Nachfolger wurde der Tischlermeister [[Heinrich Kühne]], [[Braunschweiger Straße]] 18. Für Herrn Schnelle, der im Mai [[1930]] sein Amt niederlegte, rückte der Gewerkschaftsangestellte [[Paul Beccard]], [[Triftweg]] 22, nach. Am 12. März [[1931]] wurden durch Wahl der Oberstudienrat [[Otto Kirchhoff|O. Kirchhoff]], der Kaufmann [[Hans Henneke]], [[Bahnhofstraße]] 12 (heute [[Magdeburger Straße]]), [[Franz Baumgart]] und [[Paul Beccard]] Stadträte. Inzwischen gab es mit dem 30. Januar [[1933]] die sogenannte Machtübernahme durch Hitler, ein nicht nur für Deutschland verhängnisvolles Ereignis. | |||
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Während am 03.03.1933 laut Mitteilung im „Kreisblatt“ Herr Henneke aus beruflichen Gründen sein Amt niederlegte - für ihn kam der Fabrikbesitzer Hugo Siebler -, findet sich unter dem 28.03.1933 die Notiz: „Die Herren Stadträte Beccard und Baumgart sind im Interesse des Dienstes beurlaubt. Beiden ist mündlich Kenntnis gegeben.“ Zwei Tage später verzichteten sie auf dieses Ehrenamt. Der Grund ist an anderer Stelle erörtert worden. Auch Otto Kirchhoff verzich-tete. Durch das Gesetz über die Neubildung des Landtages, der Kreistage und der Stadtverordnetenversammlungen vom 04.03.1933 wurde das Stadtparlament neu zusammengestellt. Wahlvorschläge hatten nur noch die NSDAP und der Kampfblock „Schwarz-Weiß-Rot“ der Deutschen Volkspartei gemacht. Die Deutsche Zentrumspartei hatte ihren Vorschlag zurückgezogen. Die anderen Parteien hatte man gewaltsam von der politischen Willensbildung ausgeschlossen. Nach dem Verhältnis der diesen beiden Wahlvorschlägen bei der am 05.03.1933 vorgenommenen Reichstagswahl zugefallenen Stimmen entfielen im Stadtparlament auf die NSDAP 14 Sitze und auf den Kampfblock drei. Es wählte auch die Stadträte neu: die Herren Schünemann, Denecke, Most und Schlimme. Beruhte die Zusammensetzung der Stadtverordneten schon auf keiner Wahl, so wurden in Zukunft ausscheidende Stadträte und Verordnete durch Entscheidung des Bürgermeisters einfach ergänzt. Bürgermeister Dr. Velke, der im Sommer 1925 für die Dauer von 12 Jahren erneut gewählt worden war - diese Wahl war wegen der neuen Städteordnung erforderlich geworden -, reichte im Oktober 1933 aus „dienstlichen Erwägungen“ ein Gesuch um Versetzung in den Ruhestand ein. | Während am 03.03.1933 laut Mitteilung im „Kreisblatt“ Herr Henneke aus beruflichen Gründen sein Amt niederlegte - für ihn kam der Fabrikbesitzer Hugo Siebler -, findet sich unter dem 28.03.1933 die Notiz: „Die Herren Stadträte Beccard und Baumgart sind im Interesse des Dienstes beurlaubt. Beiden ist mündlich Kenntnis gegeben.“ Zwei Tage später verzichteten sie auf dieses Ehrenamt. Der Grund ist an anderer Stelle erörtert worden. Auch Otto Kirchhoff verzich-tete. Durch das Gesetz über die Neubildung des Landtages, der Kreistage und der Stadtverordnetenversammlungen vom 04.03.1933 wurde das Stadtparlament neu zusammengestellt. Wahlvorschläge hatten nur noch die NSDAP und der Kampfblock „Schwarz-Weiß-Rot“ der Deutschen Volkspartei gemacht. Die Deutsche Zentrumspartei hatte ihren Vorschlag zurückgezogen. Die anderen Parteien hatte man gewaltsam von der politischen Willensbildung ausgeschlossen. Nach dem Verhältnis der diesen beiden Wahlvorschlägen bei der am 05.03.1933 vorgenommenen Reichstagswahl zugefallenen Stimmen entfielen im Stadtparlament auf die NSDAP 14 Sitze und auf den Kampfblock drei. Es wählte auch die Stadträte neu: die Herren Schünemann, Denecke, Most und Schlimme. Beruhte die Zusammensetzung der Stadtverordneten schon auf keiner Wahl, so wurden in Zukunft ausscheidende Stadträte und Verordnete durch Entscheidung des Bürgermeisters einfach ergänzt. Bürgermeister Dr. Velke, der im Sommer 1925 für die Dauer von 12 Jahren erneut gewählt worden war - diese Wahl war wegen der neuen Städteordnung erforderlich geworden -, reichte im Oktober 1933 aus „dienstlichen Erwägungen“ ein Gesuch um Versetzung in den Ruhestand ein. | ||
In der ersten Stadtverordnetenversammlung nach der „Machtübernahme“ vom Januar 1933 am 27.04.1933 hatte sich Dr. Velke in einer Erklärung noch voll hinter die nationale Regierung Bestellt. Dem Bericht des Kreisblattes nach erklärte er oder mußte er dazu erklären, daß ihm nunmehr Gelegenheit gegeben sei, nur mit Männern der Tat und Männern nationalen Gesetzes zusammenzuarbeiten, deren politisch-wirtschaftliches Programm Gewähr dafür bietet, daß ein Wendepunkt in der Kommunalverwaltung und damit in der Geschichte der Stadt eintrete. Gchol-fen hat es ihm nichts, er sei, wie sich in der Sitzung vom 17.10.1933 anläßlich der Beratung über das Entlassungsgesuch ein Stadtverordneter ausdrückte, weder rechts noch links, weder beim „Stahlhelm“ noch beim „Reichsbanner“, und eine klare Haltung sei bei diesem Man in keiner Form hervorgetreten. Einer der vier Stadträte sprach weiter davon, daß sich ein gedeihliches Zusammenarbeiten des Rates der Stadt mit Dr. Velke in der Zeit nach der nationalsozialistischen Revolution als nicht möglich erwiesen habe. So habe er, als man übereingekommen sei, den | In der ersten Stadtverordnetenversammlung nach der „Machtübernahme“ vom Januar 1933 am 27.04.1933 hatte sich Dr. Velke in einer Erklärung noch voll hinter die nationale Regierung Bestellt. Dem Bericht des Kreisblattes nach erklärte er oder mußte er dazu erklären, daß ihm nunmehr Gelegenheit gegeben sei, nur mit Männern der Tat und Männern nationalen Gesetzes zusammenzuarbeiten, deren politisch-wirtschaftliches Programm Gewähr dafür bietet, daß ein Wendepunkt in der Kommunalverwaltung und damit in der Geschichte der Stadt eintrete. Gchol-fen hat es ihm nichts, er sei, wie sich in der Sitzung vom 17.10.1933 anläßlich der Beratung über das Entlassungsgesuch ein Stadtverordneter ausdrückte, weder rechts noch links, weder beim „Stahlhelm“ noch beim „Reichsbanner“, und eine klare Haltung sei bei diesem Man in keiner Form hervorgetreten. Einer der vier Stadträte sprach weiter davon, daß sich ein gedeihliches Zusammenarbeiten des Rates der Stadt mit Dr. Velke in der Zeit nach der nationalsozialistischen Revolution als nicht möglich erwiesen habe. So habe er, als man übereingekommen sei, den Stadtsyndikus Wendt im Wege eines Verfahrens aus dem städtischen Dienst zu entlassen, jenem trotzdem ein Zeugnis ausgestellt und darin dessen Eignung und Befähigung während seiner Dienstzeit im schönsten Lichte erscheinen lassen. Ein anderer Stadtrat argumentierte, daß mit der Entlassung des Dr. Velke der Liberalismus aus dem Rathaus endgültig verschwinden werde. Das stimmte sicherlich und wurde damals positiv gesehen. | ||
Dem Gesuch des Bürgermeisters um Versetzung in den Ruhestand wurde einstimmig stattge-geben. Er wurde bei einer jährlichen Pension von damals 8.204,88 Reichsmark einschließlich 960 Reichsmark Kinderzulage in den Ruhestand versetzt. Dr. Velke blieb in Helmstedt. Aus seiner Wohnung Roonstraße<ref>Roon, Albrecht Theodor Emil, Graf von (1803–1879) war preußischer Generalfeldmarschall, Kriegsminister und ab 1873 Ministerpräsident</ref> 1 (heute [[Doktor-Heinrich-Jasper-Straße]]) zog er um in die [[Parkstraße]] 2 und eröffnete dort eine Rechtsanwaltspraxis. Am 27.11.1952 starb er in [[Querenhorst]] während einer Jagd an einem Herzschlag. Dr. Velke stammte aus Velpke (er war dort am 09.12.1883 als Sohn eines Steinbruchbesitzers geboren). - Die Geschäfte des Bürgermeisters führten jetzt bis zum Januar 1935 die vier Stadträte, insbesondere der Zahnarzt Paul Denecke vom Kleinen Wall 19. Dann kam Bürgermeister Kurt Drechsler. | Dem Gesuch des Bürgermeisters um Versetzung in den Ruhestand wurde einstimmig stattge-geben. Er wurde bei einer jährlichen Pension von damals 8.204,88 Reichsmark einschließlich 960 Reichsmark Kinderzulage in den Ruhestand versetzt. Dr. Velke blieb in Helmstedt. Aus seiner Wohnung Roonstraße<ref>Roon, Albrecht Theodor Emil, Graf von (1803–1879) war preußischer Generalfeldmarschall, Kriegsminister und ab 1873 Ministerpräsident</ref> 1 (heute [[Doktor-Heinrich-Jasper-Straße]]) zog er um in die [[Parkstraße]] 2 und eröffnete dort eine Rechtsanwaltspraxis. Am 27.11.1952 starb er in [[Querenhorst]] während einer Jagd an einem Herzschlag. Dr. Velke stammte aus Velpke (er war dort am 09.12.1883 als Sohn eines Steinbruchbesitzers geboren). - Die Geschäfte des Bürgermeisters führten jetzt bis zum Januar 1935 die vier Stadträte, insbesondere der Zahnarzt Paul Denecke vom Kleinen Wall 19. Dann kam Bürgermeister Kurt Drechsler. | ||