Rudolf Leuckart

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Rudolf Leuckart

Karl Georg Friedrich Rudolf Leuckart (* 7. Oktober 1822 in Helmstedt; † 6. Februar 1898 in Leipzig) war ein deutscher Zoologe und Begründer der Parasitologie.

Leben

Familie und Nachkommen

Leuckart entstammte einer Familie mit akademischen und handwerklichen Wurzeln. Er war Sohn des Buchdruckereibesitzers und Ratsherrn Gottfried Leuckart[1] und Neffe des Mediziners und Naturkundeprofessors Friedrich Andreas Sigismund Leuckart (17941843). Seine Mutter Friederike Dorothea Charlotte (17851834) war Tochter des Kupferschmieds, Kupferhändlers und Brauers Leberecht Christian Philipp Theuerkauf (17391790) aus Helmstedt.

Leuckart heiratete in Schönberg (Odenwald) Amélie Henke (18271921), Tochter des Juristen und Professors der Rechte in Halle Eduard Henke (17831869). Das Paar hatte mindestens vier Kinder, darunter den Chemiker Rudolf, der später in Göttingen lehrte. Eine Tochter, Hermine, heiratete Otto Karlowa, Professor der Rechtsgeschichte und Romanistik in Heidelberg.

Beruflicher Werdegang

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Helmstedt begann Leuckart 1842 ein Studium der Medizin und Naturwissenschaften an der Universität Göttingen. Bereits während seines Studiums wurde er von [Rudolf Wagner mit der Fortsetzung dessen Vorlesungen über allgemeine Naturgeschichte und der Fertigstellung seines Lehrbuchs der Zootomie betraut. Am 13. Dezember 1845 promovierte er in Göttingen mit Auszeichnung. Zwei Jahre später habilitierte er sich als Privatdozent für Zoologie und Physiologie und führte dafür vor allem Studien an der Nordsee durch. In seiner Habilitationsschrift stellte er eine neue Systematik der Wirbellosen vor, die ihm schnell Bekanntheit verschaffte.[2]

1850 wurde Leuckart außerordentlicher Professor der Zoologie an der Universität Gießen. Dort widmete er sich besonders der Erforschung des Lebens, des Baues und der Entwicklung niederen Tierformen sowie der anatomisch-physiologischen Analyse von Tieren. 1852 veröffentlichte er gemeinsam mit Carl Bergmann die Anatomisch-physiologische Uebersicht des Thierreichs. Vergleichende Anatomie und Physiologie, in der erstmals auch Wirbellose neben Wirbeltieren ausführlich behandelt wurden. 1855 erhielt er in Gießen eine ordentliche Professur.

1869 folgte Leuckart einem Ruf als Professor der Zoologie und Zootomie an die Universität Leipzig. Dort war er nicht nur durch seine wissenschaftlichen Arbeiten bekannt, sondern auch wegen seiner Lehre sehr geschätzt. Er beteiligte sich an der Planung eines neuen Institutsgebäudes mit Museum, das 1880 an der Ecke Brüder- und Talstraße eingeweiht wurde. Leuckart lebte dort mit seiner Familie.

In Leipzig trug er zur Zoologie insbesondere durch Arbeiten über die Organisationsstrukturen der Zoophyten bei. Zusammen mit Heinrich Frey unterschied er zwei wesentliche Organisationsformen innerhalb der fest sitzenden Meerestiere und ordnete sie den Hohltieren und Stachelhäutern zu. Außerdem entwickelte er das Konzept des Polymorphismus auf Grundlage von Studien an Staatsquallen (Siphonophora).

Leuckart leistete entscheidende Beiträge zur Fortpflanzungslehre. So untersuchte er die Mikropyle der Insekteneier (1855), die Parthenogenese bei Insekten (1858), die Fortpflanzung von Rinderläusen (1862) und die von viviparen Fliegenlarven (1865). Filtratversuche bestätigten dabei die Befruchtung durch Spermien.

Zudem erforschte er den Lebenszyklus von Eingeweidewürmern, insbesondere Trichinen, Blasenwürmern und Großem Leberegel. Dabei konnte er nachweisen, dass Rinderbandwürmer (Taenia saginata) ausschließlich in Rindern und Schweinebandwürmer (Taenia solium) ausschließlich in Schweinen vorkommen. Seine Untersuchungen an Trichinella spiralis unterstützten die Kampagne Rudolf Virchows zur Fleischbeschau nach Trichinen.

Zwischen 1877 und 1892 initiierte Leuckart eine Reihe zoologischer Wandtafeln für den Gebrauch an Universitäten und Schulen. Die ersten zwölf Tafeln stammten von Hinrich Nitsche und trugen dessen Signatur „HN“.[3][4]

Leuckart starb in Leipzig; sein Grab befand sich auf dem Neuen Johannisfriedhof.

Mitgliedschaften und Ehrungen

Den Leuckart aufgrund seiner Leistungen gezollten Respekt bezeugen viele Ehrungen. Unter anderem ernannte ihn die Deutsche Zoologische Gesellschaft, deren erster Präsident er von 1890 bis 1891 war, zu ihrem ersten Ehrenmitglied, er wurde Leipziger Ehrenbürger, und der Leipziger Bildhauer Carl Seffner wurde beauftragt, zu Ehren Leuckarts eine Marmorbüste von ihm anzufertigen, die heute im Besitz der Universität Leipzig ist. 1853 wurde Leuckart zum Mitglied der Leopoldina berufen. 1859 wurde er zum korrespondierenden Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt.[5] Im Dezember 1864 wurde er Ehrenmitglied (Honorary Fellow) der Royal Society of Edinburgh.[6] Seit 1868 war er auswärtiges Mitglied der Bayerischen[7] und seit 1869 ordentliches Mitglied der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig. 1877 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences und als „Honorary Foreign Member“ der Linnean Society of London[8] gewählt. 1885 wurde er Mitglied der Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique[9] und 1887 korrespondierenden Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften.[10] 1861 wurde er als korrespondierendes Mitglied in die Russische Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg aufgenommen, seit 1895 war er deren Ehrenmitglied.[11] Ebenfalls seit 1895 war Leuckert Mitglied der National Academy of Sciences. Am 5. April 1889 wurde er Mitglied der Königlich Dänischen Akademie der Wissenschaften. Er war Mitglied der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte.[12]

Die Deutsche Gesellschaft für Parasitologie verleiht seit 1974 die Rudolf-Leuckart-Medaille an Forscher, die sich durch bedeutende Arbeiten auf dem Gebiet der Parasitologie auszeichneten. Diese Medaille wurde von den Gießener Zoologen zum Andenken an Rudolf Leuckart gestiftet.

Schriften

  • mit Heinrich Frey: Beiträge zur Kenntnis wirbelloser Tiere, Braunschweig, 1847 doi:10.5962/bhl.title.2128
  • Über die Morphologie und Verwandtschaftsverhältnisse der wirbellosen Tiere, Braunschweig, Vieweg 1848 doi:10.5962/bhl.title.11549
  • Zur Morphologie und Anatomie der Geschlechtsorgane, Braunschweig, 1848
  • Beiträge zur Lehre der Befruchtung, Göttinger Nachrichten, 1849
  • Über den Polymorphismus der Individuen oder die Erscheinungen der Arbeitsteilung in der Natur, Gießen, 1851
  • R. Leuckart, Bergmann, Vergleichende Anatomie und Physiologie, Stuttgart, 1852
  • Zoologische Untersuchungen, Gießen, 1853–54, 3 Hefte doi:10.5962/bhl.title.11410
  • Die Blasenwürmer und ihre Entwicklung: Zugleich ein Beitrag zur Kenntnis der Cysticercusleber, Gießen, 1856
  • Die Fortpflanzung und Entwicklung der Pupiparen, Halle, 1857 doi:10.5962/bhl.title.2867
  • Zur Kenntnis des Generationswechsels und der Parthenogenesis bei den Insekten, Meidinger, Frankfurt M. 1858 doi:10.5962/bhl.title.66065
  • Untersuchungen über Trichina spiralis, Leipzig, Winter 1860, 2. Aufl. 1866
  • Über die Einheitsbestrebungen in der Zoologie: Rede des antretenden Rektors, Universität Leipzig 1877
  • mit Hinrich Nitsche: Erklärungen zu den zoologischen Wandtafeln. Verlag von Theodor Fischer, Cassel 1877 doi:10.5962/bhl.title.5710
  • Die Parasiten des Menschen und die von ihnen herrührenden Krankheiten, Leipzig, 1863–76, 2 Bde.; 2. Aufl. 1879 ff.
  • Allgemeine Naturgeschichte der Parasiten. mit besonderer Berücksichtigung der bei dem Menschen schmarotzenden Arten. C.F. Winter, Heidelberg 1879. doi:10.5962/bhl.title.46773
  • Die Entwicklungsgeschichte des Leberegels (Distonum hepaticum, dt.), in: Zoologischer Anzeiger 4, 1881
  • Neue Beiträge zur Kenntnis des Baues und der Lebensgeschichte der Nematoden, in: Abbh. Königl. Sächs. Ges. Wiss. Math.-physikal. Cl. 1887
  • Leuckart Rudolf, Nitsche Hinrich (Hg): Erklärungen zu den Zoologischen Wandtafeln. T. Fischer, Cassel 1892.
  • Spongiologische Beiträge. C.F. Winter'sche, Leipzig 1892. doi:10.5962/bhl.title.61018
  • Leuckart Rudolf et al.: Systematisches Verzeichnis der vollständig erschienenen Zoologischen Wandtafeln der wirbellosen Thiere. Nr. 1—100. T. Fischer, Cassel 1894.

Für das Handbuch der Ophthalmologie von Graefe und Sämisch lieferte er eine eingehende Darstellung der vergleichenden Anatomie des Auges, seit 1857 schrieb er die Berichte über die wissenschaftlichen Leistungen in der Naturgeschichte der niedern Tiere, Berlin, 1859 ff. und außerdem gab er die Wandtafel Die Anatomie der Biene, Kassel 1885, heraus.

Literatur

  • John Richard Dolan: Protozoa in the remarkable wall charts of Leuckart and Nitsche's Zoologische Wandtafeln. In: Protist 174, 4, 2023: 125974. doi:10.1016/j.protis.2023.125974.
  • Redi Carlo Alberto, Garagna Silvia, Zuccotti Maurizio, Capanna Ernesto, Zacharias Helmut (Hg): Visual Zoology: The Pavia collection of Leuckart's zoological wall charts (1877). Como, Ibis (Veronesi) 2002. ISBN 88-7164-130-2.
  • Theodor Hiepe: Parasitology in East Germany: Roots, period of the G.D.R., future. In: Angew Parasitol 32, 1, 1991: 45–54.
  • Hans Querner: Leuckart, Rudolf. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 14. Duncker & Humblot, Berlin 1985, ISBN 3-428-00195-8, S. 372–373 (deutsche-biographie.de).
  • Wilhelm Heß: Leuckart, Karl Georg Friedrich Rudolf. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 51, Duncker & Humblot, Leipzig 1906, S. 672–675.
  • Otto Taschenberg: Rudolf Leuckart: Eine biographische Skizze. In: Leopoldina – Amtliches Organ der kaiserlichen Leopoldino-Carolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher. 35/1899, S. 62–66, 82–94, 102–112.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Nach Allgemeine Deutsche Biographie, siehe Literatur.
  2. Leuckart Rudolf: Ueber die Morphologie und die Verwandtschaftsverhältnisse der wirbellosen Thiere. Ein Beitrag zur Charakteristik und Classification der thierischen Formen. F. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1848.
  3. Leuckart Rudolf et al.: Systematisches Verzeichnis der vollständig erschienenen Zoologischen Wandtafeln der wirbellosen Thiere. Nr. 1—100. T. Fischer, Cassel 1894.
  4. Redi C. A. et al. (Hg): Visual Zoology: The Pavia collection of Leuckart's zoological wall charts (1877). Como, Ibis (Veronesi) 2002, dort S. 34.
  5. Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Bd. 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Bd. 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 149.
  6. Fellows Directory. Biographical Index: Former RSE Fellows 1783–2002, Part Two. (PDF-Datei) Royal Society of Edinburgh, abgerufen am 1. Januar 2020.
  7. Mitgliedseintrag von Rudolf Leuckart bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 15. November 2025.
  8. Proceedings of Linnean Society 3. Mai 1877 in Englischen Wikisource
  9. Académicien décédé: Carl Georg Friedrich Rudolf Leuckart. Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique, abgerufen am 12. Oktober 2023.
  10. Mitglieder – historisch: Rudolf Leuckart. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 15. November 2025.
  11. Ausländische Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften seit 1724. Karl Georg Friedrich Rudolf Leuckart. Russische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 30. September 2015 (englisch).
  12. Mitglieder der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte 1857