Hermann Conring

Hermann Conring (* 9. November 1606 in Norden, Ostfriesland; † 12. Dezember 1681 in Helmstedt), latinisiert Hermannus Conringius (Frisius), war ein deutscher Gelehrter, der in Rechtswissenschaft, Politik, Naturphilosophie und Medizin tätig war. Er wirkte über Jahrzehnte an der Universität Helmstedt und stand als Arzt und Berater in Verbindung mit mehreren europäischen Höfen.
In der Forschung wird er häufig als Begründer der wissenschaftlichen deutschen Rechtsgeschichte bezeichnet.
Leben
Herkunft und Familie
Hermann Conring wurde am 9. November 1606 als zweitjüngstes von zehn Kindern des lutherischen Pastors Hermann Conring und dessen Ehefrau Galathea Copin in Norden geboren.[1] Der Vater hatte Theologie in Rostock und Wittenberg studiert, war seit 1588 Pastor in Hinte und ließ sich nach dem Verlust dieser Stelle 1600 mit der Familie in Norden nieder, wo er erneut ein Pfarramt übernahm.[1] Der Großvater väterlicherseits stammte aus Drenthe und war um 1550 nach Ostfriesland gekommen.[1]
Mehrere Geschwister starben während einer Pestepidemie 1611. Eine besonders enge Beziehung verband Conring mit seinem älteren Bruder Johannes, der seit 1611 an der Universität Helmstedt Theologie studierte und später wiederholt als Vermittler akademischer Kontakte wirkte.
Schulbildung und frühe Bildung
Den ersten Unterricht erhielt Conring im Elternhaus; seine Mutter vermittelte ihm früh Kenntnisse in Latein.[1] Von 1613 bis 1620 besuchte er die Lateinschule in Norden. Bereits als Schüler verfasste er philosophische und literarische Texte. Dazu gehörte die Satire Somnium seu Satyra Menippaea, die über seinen Bruder in die Hände des Helmstedter Philosophen Cornelis Martini gelangte.[2]
Studium in Helmstedt und Leiden
Am 25. Oktober 1620 wurde Conring an der Universität Helmstedt immatrikuliert. Dort hörte er unter anderem Vorlesungen bei Martini, Georg Calixt und Konrad Hornejus. Weitere Einflüsse gingen von Rudolf Diephold, Christoph Heidmann und Nicolaus Granius (1569–1631) aus.[3]
Die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges zwangen ihn 1623 zur Rückkehr nach Norden. Ein erneuter Aufenthalt in Helmstedt wurde 1625 durch eine Pestepidemie abgebrochen. Noch im selben Jahr ging Conring auf Empfehlung Calixts nach Leiden. Dort studierte er bis 1631 und wandte sich verstärkt naturwissenschaftlichen, medizinischen und staatswissenschaftlichen Themen zu.[4][5] Mit den Schriften von Hugo Grotius setzte er sich intensiv auseinander.[6]
1630 wurde er mit der Schrift De origine formarum secundum Aristotelem promoviert. Darin behandelte er aristotelische Formlehre und knüpfte damit an seine naturphilosophischen Interessen an.
Hauslehrertätigkeit und erste Professur
Nach dem Studium wurde Conring auf Vermittlung Calixts Hauslehrer des Sohnes von Arnold Engelbrecht, Kanzler des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel.[7] Während dieser Zeit hielt er Kontakt zur Universität Helmstedt und bewarb sich 1632 erfolgreich auf eine Professur für Naturphilosophie und Rhetorik.[8]
In seinen Vorlesungen vertrat er eine stark aristotelisch geprägte Naturlehre. Er betonte die Einheit des Wissens und förderte einen universalgelehrten Ansatz, der verschiedene Disziplinen miteinander verband. Ein geplantes Lehrbuch zur Naturphilosophie behandelte Grundbegriffe wie Zeit, Raum und Bewegung sowie astronomische Fragen, blieb jedoch unvollendet.[9]
Medizinische Ausbildung und Professur
In den 1630er-Jahren wandte sich Conring zusätzlich der Medizin zu, auch aus wirtschaftlichen Gründen.[10] Am 29. Juli 1634 erlangte er den Grad eines Lizentiaten der Medizin und promovierte bald darauf mit einer Arbeit über Skorbut zum Doktor der Medizin.[10] 1636 folgte zusätzlich eine Promotion zum Doktor der Philosophie.[11]
1637 wurde er auf eine Professur für Medizin an der Universität Helmstedt berufen.[12] Bis 1640 lehrte er parallel Naturphilosophie, Rhetorik und Medizin.
Sein medizinisches Lehrbuch Introductio in universam artem mediciam singulasque eies partes bot eine systematische Darstellung der Medizin. Es verband traditionelle Lehren mit der Auseinandersetzung mit neueren Erkenntnissen. Conring setzte sich unter anderem mit der Lehre William Harveys vom Blutkreislauf auseinander, die er als bedeutende Neuerung betrachtete.[13][14] In der Lehre legte er Wert auf praktische Demonstrationen, wozu auch anatomische Übungen gehörten.[15]
Neben seiner akademischen Tätigkeit war Conring als praktizierender Arzt tätig. 1649 wurde er Leibarzt von Juliane Louise von Ostfriesland. 1650 erhielt er bei einem Aufenthalt in Stockholm auch von Christina von Schweden diesen Titel.[16]
Professur für Politik und Staatslehre
Seit den 1630er-Jahren befasste sich Conring intensiv mit politischen und staatsrechtlichen Fragen. 1650 übernahm er als Nachfolger von Heinrich Julius Scheurl die Professur für Politik in Helmstedt.[17] Die Berufung stand auch im Zusammenhang mit einem Angebot aus Schweden, das seine Verhandlungsposition stärkte.[16]
In seinen politischen Schriften und Vorlesungen behandelte er unterschiedliche Staatsformen und deren historische Entwicklung. Er setzte sich mit Autoren wie Niccolò Machiavelli und Joachim Hopper auseinander und arbeitete an einer vergleichenden Darstellung europäischer Staaten, die unvollendet blieb.[18]
Ein zentrales Thema war für ihn die historische Bedingtheit politischer Ordnungen. Er argumentierte, dass Staatsformen nicht unabhängig von Geschichte, sozialen Strukturen und Mentalitäten zu verstehen seien. In diesem Zusammenhang diskutierte er auch den Begriff des Naturzustands.
Politische Beratungstätigkeit
Parallel zu seiner Professur war Conring als politischer Berater tätig. Er wurde an mehreren Höfen zum Hofrat ernannt, darunter bei Juliane von Ostfriesland und Christina von Schweden. Außerdem beriet er Friedrich III. von Dänemark sowie August den Jüngeren.
Für Ludwig XIV. verfasste er wiederholt Gutachten zu Rechts- und Staatsfragen; seit 1664 bezog er von ihm eine regelmäßige Rente.[16]
Familie
Am 21. April 1636 heiratete Conring in Helmstedt Anna Maria Stucke (1617–1694), Tochter des braunschweigischen Kanzlers Johann Stucke. Aus der Ehe gingen mehrere Kinder hervor, darunter:
- Hermann Johann (1644–1695), Jurist und Hofgerichtsassessor
- Anna Maria ⚭ Johann Saubertus († 1688), Theologieprofessor
- Maria Sophie ⚭ Günther Christoph Schelhammer († 1716), Mediziner
- Johanne Juliane ⚭ Justus Bötticher, Jurist und Diplomat
- Catharina Galatea (1639–1679) ⚭ Anton Pauli, Verwaltungsbeamter in Norden
Conring starb am 12. Dezember 1681 in Helmstedt.
Werk und Bedeutung
Rechtsgeschichte
Seit den 1630er-Jahren widmete sich Conring intensiv der Geschichte und Geltung des Rechts im Heiligen Römischen Reich. Sein Hauptwerk De origine iuris Germanici erschien erstmals 1643 und später in erweiterten Auflagen. Darin untersuchte er die historischen Grundlagen des deutschen Rechts und bezog neben Rechtstexten auch politische und institutionelle Rahmenbedingungen ein.[19]
Er wandte sich gegen die Vorstellung, römisches Recht sei allein aufgrund eines kaiserlichen Übertragungsakts verbindlich geworden, wie es in der Lotharische Legende angenommen wurde.[20] Damit verband er historische Argumentation mit rechtstheoretischen Überlegungen. Conring gilt als ein Vertreter des usus modernus pandectarum.
Zeitgenössisch stieß das Werk auf Kritik; unter anderem erhob Johannes Gryphiander den Vorwurf des Plagiats.[21]
Medizin und Naturphilosophie
Auch in der Medizin verband Conring traditionelle Lehren mit der Aufnahme neuer Beobachtungen. Seine Lehrtätigkeit umfasste sowohl theoretische Grundlagen als auch praktische Aspekte. In der Naturphilosophie blieb Aristoteles ein zentraler Bezugspunkt, wobei Conring versuchte, unterschiedliche Wissensgebiete systematisch zusammenzuführen.
Nachwirkung
Conring wird als vielseitiger Gelehrter des 17. Jahrhunderts beschrieben. Seine Arbeiten zur Rechtsgeschichte beeinflussten die spätere historische Rechtsforschung. Zudem wirkte er durch Gutachten und Empfehlungen an der Entwicklung der späteren Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel mit. Zu seinen Ehren trägt der orientalische Ackerkohl den wissenschaftlichen Namen Conringia orientalis. Die lateinische Inschrift auf seinem Grabstein, der auf einem Gut in Groß Twülpstedt steht (sein Sarg ist in der Gruft der dortigen Kirche St. Maria St. Cyriakus), lautet übersetzt: „In diesem Hügel ist beschlossen der Berater von Königen und Fürsten, Doktor des öffentlichen Völkerrechts, Kenner der gesamten Philosophie, der praktischen und theoretischen, ein ausgezeichneter Philologe, Redner, Dichter, Historiker, Arzt, Theologe. Du glaubst viele seien hier beigesetzt? Einer ist es: Hermann Conring, das Wunder des Jahrhunderts.“
Schriften (Auswahl)
- Hermanni Conringii Introductio In Naturalem Philosophiam Et Naturalium Institutionum Liber I., Quibus praecipue vera ac Aristotelica, cum philosophandi ratio, tum doctrina de Ortu rerum ex materia, illustratur. Muller, Helmstedt 1638. (Digitalisat)
- De origine iuris Germanici. Helmstedt 1643.
- De sanguinis generatione et motu naturali. Opus novum. Rixner, Helmstedt 1643. [mit Vorwort vom Dezember 1642]; Neudruck Leiden 1646.
- De finibus Imperii Germanici libri duo, quibus jura Finium a primo Imperii exordio ad haec nostra usque tempora propugnantur. Muller, Helmstedt 1654. (Digitalisat)
- Introductio In Universam Artem Medicam Singulasque Eius Partes, Ex Publicis Eius Praecipue Lectionibus Olim Concinnata Nunc Vero Additamentis Necessariis Aucta Continuata Ad Nostra Tempora Praecipuorum Scriptorum Serie. Accesserunt Johannis Rhodii, Aliorumque In Arte Principum Virorum Consimilis Argumenti Commentationes. Krug, Halle/Leipzig 1726. (Digitalisat)
- Opera. 7 Bände. Scientia Verl., Aalen 1970–1973.
Textausgaben und Übersetzungen
- Die Bibliotheca Augusta zu Wolfenbüttel. Zugleich über Bibliotheken überhaupt. Übersetzt von Peter Mortzfeld. ISBN 978-3-89244-895-2
- Der Ursprung des deutschen Rechts. Hrsg. von Michael Stolleis, übersetzt von Ilse Hoffmann-Meckenstock. Insel, Frankfurt am Main 1994.
Literatur
Monographien
- Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. MVK, Tübingen 2006, ISBN 3-935625-59-6.
Lexikonartikel
- Erich Döhring: Conring, Hermann. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 3. Duncker & Humblot, Berlin 1957, ISBN 3-428-00184-2, S. 342–343 (deutsche-biographie.de).
- Hans Dieter Lange: Conring, Hermann. In: Horst-Rüdiger Jarck, Dieter Lent u. a. (Hrsg.): Braunschweigisches Biographisches Lexikon. 8. bis 18. Jahrhundert. Appelhans, Braunschweig 2006, ISBN 978-3-937664-46-0, S. 154–156.
- Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Conring, Hermann. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 269.
- Bernhard Pahlmann: Hermann Conring. In: Gerd Kleinheyer, Jan Schröder (Hrsg.): Deutsche und Europäische Juristen aus neun Jahrhunderten. 5. Auflage. C. F. Müller, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-8252-0578-2, S. 103–106.
- Conring, Hermann. In: Joachim Rückert und Jürgen Vortmann (Hrsg.): Niedersächsische Juristen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, S. 31–35.
- Michael Stolleis: Hermann Conring. In: Michael Stolleis (Hrsg.): Juristen. Ein biographisches Lexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39330-6, S. 135 f.
Weblinks
- Literatur von und über Hermann Conring im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Werke von und über Hermann Conring in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Druckschriften von und über Hermann Conring im VD 17
- Verzeichnis der Werke Hermann Conrings
- Nachweis in der Analytic Bibliography of Online Neo-Latin Texts
- Conring, Hermann, Biographie im Biographischen Lexikon für Ostfriesland (PDF)
- Digitalisat seiner staatsphilosophischen Dissertation De optima republica 1652
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 1.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 2.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 9.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 10 f.
- ↑ Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Conring, Hermann. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin u. a. 2005, S. 269.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 13.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 30.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 32.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 36 ff.
- ↑ a b Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 38.
- ↑ Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Conring, Hermann. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin u. a. 2005, S. 269.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 39.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 41.
- ↑ Richard Toellner: Zum Begriff der Autorität in der Medizin der Renaissance. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil (Hrsg.): Humanismus und Medizin. Weinheim 1984, S. 175 f.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 46.
- ↑ a b c Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 119.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 112.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 116 f.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 71.
- ↑ Franz Wieacker: Privatrechtsgeschichte der Neuzeit. 2. Auflage 1967, S. 205 ff.
- ↑ Alberto Jori: Hermann Conring (1606–1681). Der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte. Tübingen 2006, S. 103, Fn. 196.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Conring, Hermann |
| KURZBESCHREIBUNG | Polyhistor, Leibarzt der Königin Christina v. Schweden, dänischer Staatsrat und Leiter des bremen-verdischen Archivs in Stade |
| GEBURTSDATUM | 9. November 1606 |
| GEBURTSORT | Norden |
| STERBEDATUM | 12. Dezember 1681 |
| STERBEORT | Helmstedt |